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Die große Pest von 1348

Von awo

Vor dem Hintergrund der aktuellen Covid-19-Pandemie werden Ereignisse wie die Pest von 1348 in Florenz wieder interessant. Die Kirche Santa Maria Novella (Foto) stand damals schon, vielleicht sah sie noch etwas anders aus. Sollte man nach Corona wieder reisen können und Florenz auf meiner Reiseliste stehen, werde ich die Kirche, die ich bisher noch nicht besucht habe, vielleicht doch einmal von innen betreten.

Warum? Im „Dekameron“ von Giovanni Boccaccio, dem berühmten Werk mit dem gräzisierenden
Titel, treffen sich genau dort drinnen während der Pest-Epidemie 7 junge Damen und 3 junge Herren und beschließen, sich vor der Pest außerhalb der Stadt in einem Landgut in Sicherheit zu bringen.

Das „Dekameron“, eine Sammlung von 100 Novellen, entsteht um 1350, also zur Zeit der Großen Pest. Es beginnt mit einer Pestdarstellung, die zwar kürzer ist als die von Defoe („Die große Pest von London“), aber ebenso eindringlich schildert, wie die Seuche das gesellschaftliche Leben in der Stadt Florenz zum Erliegen bringt. Zwar steigt die Zahl der Ärzte rasant an, doch stimmen sie keineswegs in ihrer Expertise überein, einige von ihnen haben nicht einmal eine medizinische Ausbildung, und allen ist gemeinsam, dass sie kein Heilmittel gegen die Krankheit finden, weil sie deren Mechanismen letztlich nicht verstehen. Aber nicht nur die Medizin gelangt an ihre Grenzen, auch Politik, Recht und Religion versagen angesichts der Pest: Die Gesetze verlieren an Autorität, da niemand ihre Einhaltung überwacht. Totenwachen und christliche Begräbnisse finden angesichts der großen Todeszahlen und aus Angst vor Ansteckung nicht mehr statt. Die Priester machen sich nicht mehr die Mühe, ein feierliches Totenamt abzuhalten, sondern überlassen es der neuen Berufsgruppe der becchini, die Leichen gegen Bezahlung in Massengräbern zu verscharren. Am drastischsten jedoch zeigen sich die Folgen der Pest innerhalb der kleinsten gesellschaftlichen Struktur, der Familie: Die Angst vor Krankheit und Tod veranlasst die Menschen, ihre erkrankten Angehörigen im Stich zu lassen, selbst Eltern wenden sich von ihren Kindern ab.

Die Pest von 1348 hat in Florenz 96.000 Todesopfer gefordert. Diese Katastrophe bildet den Hintergrund für das Dekameron. An 10 Tagen in der Isolation erzählen sich die Protagonisten gegenseitig Geschichten. Jeden Tag 10, das ergibt 100 Novellen. Im Vergleich zu den vorher geschilderten grausigen Szenen in der Stadt ist es eine Art Arkadien mit einer angenehmen Natur, Quellwasser, zahmen Tieren, Essen und Trinken, Tanz und vor allem Geschichten-Erzählen. In den Geschichten selbst spielt die Pest keine Rolle mehr.

Boccaccio hat zeit seines Lebens Dante als ein Vorbild empfunden. Dessen „Göttliche Komödie“ beginnt im Inferno und endet im Paradies. Boccaccio schreibt gleich am Anfang über sein Buch, das Dekameron: „Dieser schreckensreiche Anfang soll euch nicht anders sein wie den Wanderern ein steiler und rauer Berg, jenseits dessen eine anmutige Ebene liegt, die ihnen um so wohlgefälliger erscheint, je größer die Anstrengung des Hinauf- und Hinabsteigens war.“

Zum Inhalt der Novellen will ich hier nichts weiter ausführen. Die Lektüre lohnt sich. Und wenn ich mal wieder in Florenz sein sollte, werde ich mich der Kirche Santa Maria Novella mit einem ganz anderen Wissenshintergrund nähern.

Geschrieben 24.01.2021, Geändert 24.01.2021, 185 x gelesen.

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