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Zwei Schweden- Radreisen mit Zelt in Corona- Zeiten - Teil 2: Schweden Malmö - Dalarna - Grisslehamn - Malmö Juli 2020 (24 Tag

Von h42

(Dies ist die "Fortsetzung" von Teil 1, "Auftakttour Südschweden Mai 2020 (10 Tage, 900 km)" und eine gekürzte Version eines privaten Blogs).

Kurz nach unserer Auftakttour im Mai wurde für Rückkehrer aus Schweden die Quarantänepflicht wieder eingeführt. Aber eigentlich wollten wir ohnehin nach Finnland und dort eine dreiwöchige Runde um die Seenplatte drehen. Nur: Finnland hatte seine Grenzen für ausländische Touristen dichtgemacht. Zum Glück hatten mein Mitfahrer und ich noch keine Fähre gebucht, und, da wie immer Wildcampen auf dem Plan stand, auch keine Unterkünfte. Trotzdem sah ich wegen der sich dauernd änderden Lage fast täglich auf yle.fi und beim finnischen Grenzschutz www.raja.fi/current_issues/facts/news_fr om_the_border_guard (die besten Quellen zum Thema, in der deutschen Presselandschaft waren Informationen zum Thema Finnland kaum zu finden) nach, ob sich vielleicht doch noch irgendwas tat. Etwa eine Woche vor dem geplanten Beginn des Urlaubs gab es eine Beratung der finnischen Regierung über weitere Lockerungen, deren Berichterstattung ich mir teilweise live ansah. Diese letzte Chance verpuffte aber - Finnland wollte seine strikten Einreisebestimmungen noch mehrere Wochen verlängern.
Also kramten wir Plan B hervor: eine erneute, jetzt größere Rundtour durch Schweden. Nach Norden bis Dalarna, dann nach Osten bis Grisslehamn und dann zurück nach Süden. Warum ausgerechnet Grisslehamn? Rein aus Trotz: nach Landkarte liegen die Åland- Inseln gerade so eben in Sichtweite von Grisslehamn. Wenn wir Finnland also schon nicht betreten durften, dann wenigstens ansehen! Die Hauptsache war aber wie immer: Kilometer treten und in die Natur abtauchen.
Da die Zahl der festgestellten Corona- Neuinfektionen in Schweden vielleicht nicht nur wegen der zusätzlichen Tests, sondern auch tatsächlich angestiegen war, hieß das von vornherein: nicht mit Campingplätzen rechnen, mehr Ersatzteile mitnehmen und bei der Tourenplanung (potentielle) Corona- Hotspots vermeiden. Was nicht so schwer war, weil wir Ortschaften ohnehin nur als Einkaufsgelegenheiten anfuhren. Die Auslands- Reisekrankenversicherung hatten wir übrigens bereits vor der "Auftakt- Tour" geprüft, war ein Thema für sich, deren "Corona- Festigkeit" herauszufinden. Einige Anbieter verweigern bei bestehender Reisewarnung die Leistung. Meiner glücklicherweise nicht. Trotzdem wollten wir nicht das (schon zu normalen Zeiten) recht spartanische schwedische Gesundheitssystem in Anspruch nehmen müssen. Und ein Krankenrücktransport wäre sicher auch problematisch geworden. Also: vorsichtiger als sonst fahren und Reiseapotheke aufstocken - und zu Hause 14 Tage Vorräte deponieren und Arbeitsplatz einrichten, für den Fall fortbestehender Quarantänepflicht für Schweden- Rückkehrer.

Eine Woche vor Start buchten wir also erneut die Fähre Travemünde - Malmö. Sowohl für Hin- und Rückfahrt waren problemlos Plätze zu haben. Wen wundert's bei einer bestehenden Reisewarnung?

Tag 1: erneut die mittlerweile routinemäßige Anfahrt Hamburg - Travemünde. Wetter im Juli hatten wir schon mal besser gehabt, in Bad Schwartau Gewitter, unterstellen. Tipp für Radreisende mit Abfahrt Skandinavienkai: in Lübeck- Kücknitz gibt's wenige km vorher mehrere Discounter zur Eindeckung mit Proviant. Auf der Finnlines- Fähre nach Malmö gibt's außer einem Souvenirshop mit Süßwarenangebot keine Gelegenheiten!
Beim Check- In gibt's Zettel von der Hansestadt Lübeck mit Hinweise zum Thema Corona und dass Rückkehrern aus Schweden Quarantäne blüht.
Etwa 100 km.

Tag 2: Kaffee gibt's auf der Fähre nach wie vor (10 SEK oder 1€). Restaurant/Frühstücksraum ist zwar offen, aber ohne Service, man kann aber abgepackte Frühstückspakete buchen. - Ankunft Malmö. Durchfahrt nach Lund, Strecke kennen wir ja. Von dort Richtung Norden, durch Stångby. Schonische Kulturlandschaft, Landwirtschaft, kaum Wald, asphaltierte Straßen. Gleich zwei Schlösser am Straßenrand (Trollenäs und Trolleholms). Wetter ok. Ab ca. 50 km kommen wir aus der dichter besiedelten Region von Skåne raus: die erste nichtasphaltierte Straße und Wald statt Äcker. Natürlich ist das hier trotzdem keine Wildnis, sondern vielleicht so was wie eine abgelegenere Gegend von Schleswig- Holstein. Erster ICA- Einkauf. Es macht sich unangenehm bemerkbar, dass ich mich zwischen dem Ende der Auftakttour und dem Beginn dieser Reise wenig körperlich betätigt habe - die Beine sind schlaff, der Appetit auf Zucker ist dafür enorm. Für solche Fälle bietet jeder schwedische Lebensmittelmarkt eine reiche Auswahl an teilweise echt fiesem Süßḱram an! - Gegen Tagesetappenende fängt es an zu nieseln. Am späten Nachmittag finden wir auf einer Lichtung kurz neber einer Nebenstraße eine ruhige Stelle für die Zelte. Nicht lange nach Zeltaufbau fängt es an zu pladdern. Ich bekomme davon nicht viel mit, weil ich erstmal in ein komatöses Nickerchen verfalle. Erst gegen 20:00 wache ich wieder auf und noch später mache ich was zu essen. Ausrüstung dafür: Trangia Spirituskocher und ein mittlerweile reichlich verbeultes Alugeschirr, beides ebay- Schnäppchen und seit Jahren treue Begleiter. Als Halterung und Windschutz für den Trangia nutze ich eine kleine "Bushbox" (Outdoor- Produkt, im Prinzip fünf zusammensteckbare Metallplatten, die eigentlich als "Hobo- Kocher" für Holzbefeuerung gedacht sind).
90 km.

Tag 3: Sonne! Ein Wunder! Immer wieder schön zum Aufwachen: Kaffee vom besagten Spiritusbrenner. Doppelwandiger Stahlbecher (Aldi!) und ein Permanentfilter mit Plastikstandfüßen (Produktbezeichnung: "GSI Ultralight Java Drip Kaffeefilter"), das braucht außer dem Kaffeepulver selbst kein Verbrauchsmaterial. Trotz Regen am Vortag und damit eher niedrigem Trinkwassererbedarf wird das Wasser schon knapp. 1 3/4l in den Fahrradflaschen und meistens zwei 1,5l Flaschen Mineralwasser aus dem Supermarkt sind die "Standardbetankung". Die reicht aber nicht länger als einen Tag. Auf Friedhöfen gibt's häufig Leitungswasser gratis, allerdings kommt es Richtung Mittel- und Nordschweden häufiger vor, dass stattdessen gelbstichiges Seewasser aus dem Hahn kommt. Für solche Fälle oder wenn es im Notfall mal Wasser direkt aus dem See sein muss, habe ich noch einen kleinen Keramikfilter (Produktbezeichnung "Sawyer Mini") dabei. Der filtert allerdings nur Bakterien und Dreck aus dem Wasser, keine gelösten Chemikalien. Zum Einsatz kam er auf dieser Reise nicht.
Richtung Norden. Eine Autobahnüberquerung, keine größeren Orte. Nach Småland und Kronobergs Län hinein. Tageseinkauf in Gränsbygdens / Råstorps köpcentrum, einer etwas ungewöhnlichen Einkaufsgelegenheit in einem kleinen Gewerbegebiet, die sich von den gewohnten ICAs, Nära dejs und coops merkbar unterscheidet. Mittagspause (eigentlich nur Zucker- und Flüssigkeitszufuhr) gleich dahinter neben dem Sportplatz (außer Betrieb). Auf der gut ausgebauten G527 geht es etwas langweilig, dafür aber zügig Richtung Norden. Der Zucker tut seine Wirkung!
Hinter Odensjö finden wir einen Platz an einem kleinen Strand, idealerweise mit Feuerstelle, entscheiden uns aber dann doch, unsere Zelte ein Stück abseits im Wald aufzuschlagen, abseits des Wanderwegs, der am Strand entlangführt. Die Wettervorhersage ist durchwachsen!

Tag 4: Es regnet in der Nacht. 11 Grad morgens. Mehr Regen nach dem Losfahren. Gegen 11 mal eine 3/4 Stunde Regenpause und sogar Sonne. Pause, Schokolade reinstopfen. Wenig später wieer Schluss mit lustig, es kommt am Westufer des Bolmen-Sees (vom Wetter abgesehen eine schöne Gegend) so heftig runter, dass wir uns in ein Bushaltestellen- Wartehäuschen flüchten. Auf einer Europakarte mit den durchschnittlichen Niederschlagsmengen im Juli in den letzten Jahren gibt's ein tiefblau eingefärbtes Gebiet etwa in der Mitte zwischen Göteborg und Malmö - und wir sind mittendrin. Statistisch gesehen mussten wir also nass werden... Gegen Mittag wieder besser, gegen Nachmittag bei Anderstorp wieder schlechter. Anderstorp hat "Skandinaviens einzige Formel-1 Rennbahn", und die lange Gerade kann auch als Flugplatz genutzt werden. Trifft bei uns als Radfahrern auf eher geringes Interesse, der ICA im Ort ist interessanter! Weiter nach Norden, am Skigebiet Isaberg ("das größte Skigebiet Südschwedens") vorbei (für Radfahrer: Steigungen!). Dahinter: noch einmal vor dem Regen unterstellen. Und bloß niemandem zu nahe kommen, ein Schwede erinnert uns daran, dass die Gegend hier Corona- Hotspot ist. - Zeltplatz mitten im Wald, nicht allzu weit von der Straße, nichts aufregendes, Hauptsache Tagesende!

Tag 5: Wetterbesserung. Über einen genialen Bahnradweg fahren wir wohl 20 km ziemlich gerade nordwärts und ohne nennenswerte Steigungen nach Ulricehamn. Auf der linken Seite: der Åsunden(-see) - unter vollem Wind und mit Schaumkronen auf den Wellen. Kurz vor Ulricehamn führt der Radweg durch einen alten Bahntunnel - mit automatisch anspringender, von einem Solarpanel versorgter Beleuchtung. Was für ein Service! Ulricehamn bietet außer Einkaufsmöglichkeiten auch ein bisschen modernes, urbanes Design, zumindest entlang unserer Fahrstrecke (am See und dann nach Norden wieder aus der Stadt raus). Nördlich folgt das nächste Skigebiet und dann geht der Bahnradweg weiter. Und weiter, weiter, weiter. Wohl insgesamt 60-70 km fahren wir autofrei und geradeaus und meistens asphaltiert nach Falköping. Dort durch und nach 10 km auf einer angenehmen Waldlichtung in der Sonne Zelte aufgebaut. - 100 Tages- km, und die deutlich angenehmer als gestern!

Tag 6: Aufbruch bei Sonne. Allerdings: ich trage fast durchgehend meine Regenjacke, einfach, weil's mir für die dünne Windjacke zu kalt ist. Es wollen einfach keine sommerlichen Temperaturen aufkommen. Trotzdem schön! Bei Ekornavallen, einem prähistorischen Gräberfeld, von denen es wie überhaupt von prähistorischen Monumenten in Schweden sehr viele gibt, kurzer Fotostopp. Unerwartet führt der Dorfladen in Broddetorp (Ladenkette "Tempo") Brennspiritus. Teuer das Zeug hier, etwa 5 Euro pro Liter. Wird unter dem Namen "rödsprit" verkauft, weil rot gefärbt, und häufiger steht er irgendwo abseits in einem Kühlschrank zusammen mit irgendwelchen Reinigungsflüssigkeiten, oder muss aus dem Lager geholt werden und/oder Verkäufer wissen mit dem Begriff nichts anzufangen. "RödSPRIT" (Betonung auf der zweiten Silbe) scheint es zu heißen, mit RÖDsprit bin ich schon auf pures Unverständns gestoßen :-)
Westlich an Skövde vorbei, sind jetzt zwischen Vänern und Vättern (Schwedens größten Seen), schöne Straße (O 2751). "Stora rör": “...eines der größten Steinhügelgräber von Västergötland”, aber trotzdem sind wir die einzigen "Touristen". Pause an Flistads kyrka. Hat auch einen Runenstein, und auch hier sind wir die einzigen Besucher. Nicht so am Götakanal, dem wir vielleicht 20 km folgen. Dort kommt uns der eine oder andere Radfahrer entgegen, gelegentlich passieren Boote die historischen Schleusen und an den Schleusen gibt es ein bisschen touristische Infrastruktur. Ganz angenehm zum Radfahren. Erinnert an den Elbe- Lübeck- Kanal, macht aber einen gepflegteren Eindruck. Einige km vor der Mündung des Kanals in den Vänern biegen wir wieder nach Norden ab. Einen Zeltplatz finden wir in einem sonnigen größeren Waldabschnitt hinter einem toten Bahngleis. Gibt Walderdbeeren ("smultron") und Blaubeeren.

Tag 7: Kaffee, Haferflocken, Filmjölk = mein Standard- Frühstück in Schweden im Zelt. Etliche km folgen wir dem toten Bahngleis Richtung Norden. Ganz tot ist es allerdings nicht, man kann auf einem Teilabschnitt Draisinentouren buchen (schwedisch "dressin" = "Draisine"). Jetzt Värmlands län. Mehr Waldgebiete. Auch entlang des kurzen Tourabschnitts auf dem "Inlandsvägen" (eine der schwedischen Haupt- Straßen- Nord-/Süd- Verkehrsachsen), auf dem uns zu viel Verkehr ist, obwohl die Schweden auch hier deutlich rücksichtsvoller überholen als in Deutschland. Nach ein paar km ist der Spuk vorbei und wir sind wieder in der Pampa (mittendrin mit einem Tante- Emma- Laden (alias "lanthandel")). - Richtung Nordwesten an die Küste des Vänern. Bei Revsand ein Campingplatz - mit öffentlich zugänglicher Badestelle! Leider gleicht der Vänern nicht nur vom Anblick her (riesig!) der Ostsee, sondern ist auch so windig und so kalt. Aber trotzdem ein wunderbarer Pausenplatz. Weiter nach Kristinehamn. Mit 18000+ Einwohnern eine der wenigen (für schwedische Verhältnisse) größeren Städte unserer Reise, wir gucken nach links und rechts, fahren aber ansonsten durch, kein Problem, es gibt eine ordentliche Radwegführung nach Nordwesten aus der Stadt raus, wo wir einen letzten Blick auf einen der Nordzipfel des Vänern werfen. Noch einige km nach Norden ist die Nähe zur Stadt nd/oder den allgemein dicht besiedelteren Gebieten um den Vänern herum spürbar. Wir überqueren auch noch die West/Ost- Achse E18 nach Oslo, aber dann wird's ruhiger und waldig genug für einen Zeltplatz. Die Gegenden der letzten zwei Tage waren zwar immer noch dünner besiedelet als Schleswig- Holstein, aber im Rückblick wollte das tiefenentspannte Radreisegefühl, das ich aus Mittel- und Nordschweden kenne, nicht so richtig aufkommen.

Tag 8: Regen. Mist. Streichhölzer sind nass geworden. War eine gute Idee, eine Ersatztüte mit Streichhölzern und außerdem ein Feuerzeug mitzunehmen. Da man mit deḿ Feuerzeug alleine den Trangia nur schwer anzünden kann, zünde ich mit dem Feuerzeug ein nasses Streichholz an und damit dann den Trangia für den Kaffee. - Auf regennasser Straße nacn Norden. Nach kurzem hört der Asphalt auf und wir kommen jetzt endgültig aus dem Dunstkreis Kristinehamns heraus in eine Art Halbwildnis. Regen, 11 Grad. 25 km einsame Wald- Schotterpiste. Keine drei Autos. 10 Grad! Wetter wie Ausblicke sind ein bisschen wie in Lappland. Aber dann km 27: Asphalt, km 28: etwas Sonne! Nach einem leider vor kurzem dichtgemachten Lebensmittelladen in Brattfors (das, was jetzt drin ist, sah beim Vorbeifahren wie ein Beerdigungsinstitut aus) wird der Himmel wieder grau. Kurz vor einem Ort mit dem erstaunlichen Namemn "Paradishyttan" Pause an einem Unterstand. Auch erstaunlich: die Wettervorhersage. Innerhalb von zwei Stunden soll die Temperatur nach oben schießen und die Sonne länger rauskommen. Und, welch Wunder: es stimmt! Es beginnt einer der schwitzigsten Teile der ganzen Tour, und das nicht nur wegen des Wetters. Direkt am See, der "Alstern" heißt (und das, nachdem es auf der Maitour schon mal an einem Alsterån vorbeiging), biegen wir ins Naturreservat Brattforsheden ein. Tolle Gegend, Kiefernwald und der nun auch noch im Sonnenschein! Die Karte der Gegend auf Openstretmap war allerdings nicht gerade aktuell, einige "Straßen" sind doch nur Sandpisten, streckenweise ist Schieben nötig und irgendwann müssen wir umdrehen, weil es nicht weitergeht. Wir fahren einen anderen Weg durch den Wald, wollen eine Brücke über den Svartån überqueren - aber die Brücke ist eine Ruine. Also alles wieder zurück! Etwa 10-15 km kostet uns die Aktion. Aber: geiles Wetter! Also geht's im zweiten Versuch auf der Straße auf der anderen (nördlichen) Seite des Svartån nach Nordwesten weiter, Richtung Sunnemo Lebensmittelladen. Den erreichen wir, immer noch bei Sonnenschein. Leider hat er schon geschlossen. Es ist aber nicht wirklich dringend mit den Lebensmitteln. Nochmal Gas geben, um vor 19:00 die nächste Einkaufsgelegenheit in Råda zu erreichen, oder vorher einen Zeltplatz suchen? Etwas unentschlossen eiern wir herum, aber als sich ein Zeltwald wenige km vor Råda als ungeeignet herausstellt, fahren wir doch noch in den Ort rein. Fünf Minuten vor Ladenschluss sind wir mit unseren Einkäufen fertig. Statt auf unserer Route weiter Richtung Norden aus dem Ort rauszufahren, suchen wir ein Stück westlich am Klarälven einen Zeltplatz. Gefunden! Etwas schattig, aber ansonsten eine traumhafte Lage mit Blick direkt auf den trägen Fluss. Dass bloß ein paar 100m weiter "Hagfors Airport" ist, hätten wir nicht bemerkt, wenn er nicht auf der Landkarte und auf Wegweisern gekennzeichnet wäre.

Tag 9: Nieselregen, 10 Grad. Immerhin hat's gereicht, die Wäsche von gestern wieder halbwegs trocken zu bekommen. Weiter nach Norden, entlang dem Klarälven. Mit Regenhose. Über den Fluss rüber zum Einkaufen nach Ekshärad. Es hört nicht auf zu regnen. Nach Nordosten, und im Dörfchen Knoände ("das Ände vom Knon"(-see)) wird der Regen so heftig, dass wir uns unterstellen. Geschlagene zwei Stunden lang. Mein Fotoapparat hat in der Tasche der Regenjacke zuviel Wasser abbekommen und regt sich nicht mehr. Scheißwetter! Das habe ich so noch auf keiner Radreise erlebt. Nach der Zwangsapause weiter auf der Schotterpiste nach Norden. Dreiviertel- Wildnis. Bergauf geht's auch noch. Wir fahren nach Dalarnas Län rein, aber "das Herz Schwedens" hat dieses Jahr neben Natur in erster Linie dunkle Wolken zu bieten. Wir schlagen unsere Zelte in einem beliebigen Waldstück auf. ich freue mich jedes Mal wieder, dass das Zelt wasserdicht ist und, sobald man es nicht mehr verlassen muss, auch ein wenig Komfort bietet. Dabei ist es bloß ein relativ billiges Teil für knapp unter 100€. - Wegen der zwei Stunden Regenpause nur 60 km geschafft.

Tag 10: Kalt, Schauer. Wir fahren weiter durch die Wildnis, biegen jetzt aber nach Osten ab. Nächstes Ziel nach dem Nordwestende ist Grisslehamn, in der Hoffnung, dort die Åland- Inseln sehen zu können und dass das Wetter Richtung Osten besser ist (so sagt es jedenfalls meine Klimakarte). Aber erstmal grau, Regen, Regenhose. Einen Abstecher durch die Berge lassen wir aus und fahren stattdessen ein längeres Stück Hauptstraße. In Fredriksberg Einkaufen und nebenan holen wir uns aus einem Café je einen Kaffee "på påtår" (=free refill), trinken den aber an einem Bushaltestellenwartehäuschen, da das Café ziemlich gut gefüllt ist - der ideale Ort, um sich mit Viren jeder Art anzustecken. Selbst auf eine gewöhnliche Erkältung habe ich jetzt absolut keine Lust. Und wieder sitzen wir und warten, dass der Regen aufhört. Nicht so lange wie gestern, aber es nervt trotzdem. Irgendwann geht's weiter, auf einer asphaltierten Straße, so grau wie das Wetter, aber: wir kommen voran. Zum Zelten fahren wir direkt von der Hauptstraße einen einsamen Wanderweg rein, finden aber keine freie Fläche abseits des Weges und machen uns dann mehr oder weniger direkt auf dem Weg breit. Kommt bei dem Wetter eh niemand vorbei. Auch hier befinden wir uns laut Klimakarte in einem niederschlagreichen Gebiet. Bei der nächsten Tour werden solche Gebiete weiträumig umfahren! 97 km - ein bisschen vom Rückstand aufgeholt.

Tag 11: nach dem Aufbruch aus dem durchnässten Wald kommt fahl die Sonne durch die Wolkendecke. Nach einer Stunde ist es für eine kurze Zeit fast wolkenlos. Natürlich immer noch reichlich kalt, "Sommer" fühlt sich anders an! Aber dann, zum Mittagseinkauf in Borlänge (nahe dem nördlichsten Punkt der Reiseroute) wird's dann doch warm. Ich kann endlich wieder das Solarpanel rausholen und die schon ziemlich leergelaufenen Akkus wieder etwas nachladen. - Der Sverigeleden, Schwedens Hauptradweg(-netz), führt uns in das Älvdalen entlang des Dalälven. Sowas wie die Hauptschlagader von Dalarna, dem "Herz Schwedens". Mittagspause etwas rustikal an einem Feldweg neben einem Holzstapel. Schön einsames Feld hier... bis ein und derselbe Lastwagen sich drei Mal an uns vorbei den schmalen Feldweg entlangquetscht. Und die einzige Regenwolke, die zur Mittagszeit unterwegs ist, kommt zielgenau auf uns zu und nieselt sich ein bisschen über uns ab. Weiter geht's, eine längere Strecke am Nordufer des Dalälven, wunderschön. Nachdem wir nochmal 20 Minuten vor einem Gewitterschauer samt Hagel Schutz suchen mussten, wird's auch endlich wieder sonnig, bleibt auch so und wir haben den Rest des Tages was von der Landschaft. Kurz vor Schluss noch eine heftige, schweißtreibende Steigung, dann schlagen wir unsere Zelte am Ufer eines hochgelegenen Sees auf. Sonnenschein glitzert auf dem See. 95 km.

Tag 12: Nachts etwas Regenschauer. Und ein Ruderboot auf dem See mit zwei sich gut hörbar unterhaltenden Fahrern. 7 Uhr früh: Lärm! Ein paar 100m weiter sind Waldarbeiten. - Irgendwann gestern die 1000 km Marke überschritten. Ist also fast Halbzeit! Bei Sonne brechen wir auf. Aber kurz vor zehn werden die Wolken wieder dicht. Werden wir den rettenden Supermarkt in Fors erreichen, bevor der nächste Schauer runterkommt? - Nein, wir kommen wieder mitten rein. Aber die Mittagspause danach ist Sonne pur: der Schotterplatz direkt neben der Straße, auf dem wir uns breitmachen, wird für eine halbe Stunde kräftig aufgeheizt, und wir auch, und mein Solarpanel. - Grenze zu Uppsalas Län (Touristenfalle: Aussprache ist UppSALA, nicht UPP!Sala). Es wird wieder bewölkt und am Etappenende sehen wir eine fette Gewitterfront direkt vor uns von links nach rechts vorbeiziehen. Nein, da wollen wir nicht reinfahren. Stattdessen einen Schotterweg rechts rein auf eine große abgeholzte Waldfläche. Bei der gekiesten Wendekehre schlagen wir die Zelte auf. Ein Autowrack verleiht dem ganzen eine spezielle Atmosphäre. Spannung: wie wird das Wetter? Wir haben ordentlich Glück: das Gewitter und die Nachläufer ziehen vielleicht zwei Kilometer an uns vorbei, und unser Platz bekommt kräftig Sonne. Ich trockne ein paar Sachen auf der Motorhaube des Autowracks, und das Solarpanel lädt wie wild. Es gibt smultron am Wegesrand. So lässt sich's aushalten. 105 km!

Tag 13: Motto des Tages: bloß nicht abergläubisch werden. - Aufbruch bei Sonne pur. Auch beim ICA in Örbyhus schön warm. Ein bisschen Hauptstraße, dann eine schöne abgelegene Nebenstraße durch den Wald - fast autofrei und asphaltiert, und kurzer Stopp an einem badplats. Gemähter Rasen und eine gepflegte Anlage mitten in der Pampa! Gegen drei dann mal ein Zwischenspiel mit grauen Wolken. Auf einem Bauernhof steht gegenüber ein Dromedar und müffelt vor sich hin.
Und dann, vielleicht 16:00: mein Pedaltritt geht ins Leere. Komplett. Ohne Vorwarnung. Einfach so. Kette gerissen? Nein. Mein Mitfahrer diagnostiziert einen defekten Freilaufkörper. Jetzt habe ich jede Menge Werkzeug und Ersatzteile mitgeschleppt, aber nicht dafür, zumal mir defekte Freilaufkörper völlig neu sind. Und nun? Ich sehe mich in Gedanken mein Rad zum nächsten Schrottplatz schieben und mich selbst mit 25 kg Gepäck mit Bus und Bahn nach Malmö fahren. Bahnen nehmen in Schweden nur in wenigen Ausnahmefällen Fahrräder mit. Und unser Zeitplan ist eng - einen Tag Verzögerung können wir ausgleichen, aber dann wird es eng mit der Fähre in Malmö. - Glück im Unglück: entgegenkommende Radfahrer sagen uns, dass es in 7 km Entfernung in Östhammar einen Fahrradladen gibt. Der war damals auf der Openstreetmap- Karte noch nicht eingetragen. Für schwedische Verhältnisse, wo selbst der nächste gewöhnliche Supermarkt normalerweise Dutzende km entfernt ist, wäre das geradezu ein Wunder. Ich könnte das Rad soweit schieben. Zweites Wunder: mein Mitfahrer findet nebenan Leute, die uns beide samt Fahrrädern und Gepäck in ihren Kombi, der wundersamerweise auch noch eine Fahrradbefestigung am Heck hat, nach Östhammar fahren. Einen riesigen Dank nach Nederbyn!
Der Fahrradladen ist Melins Cycel och Sports in Östhammar. Neu, groß und offensichtlich genau der richtige Laden. Der Chefschrauber meint, er könne die Reparatur durchführen. Allerdings nicht mehr heute - wir standen auch erst kurz vor Ladenschluss vor der Tür. Ich lasse das defekte Rad im Laden und wir suchen uns ein paar 100m weiter in einem winzigen Waldstück ziemlich nahe an einem Wohngebiet einen eher lausigen Zeltplatz.

Tag 14. Kurz vor 10 stehen wir bei Melins vor der Tür. Mein Freilaufkörper - keine Überraschung bei einem 20 Jahre alten Rad, dazu noch einem Reiserad - ist nicht vorrätig. Erster Versuch: Chef ersetzt einen defekten Stahlring durch einen neuen. Das hilft ein kleines bisschen, aber nach ein paar Pedaltritten ist klar: Weiterfahren geht nicht, alle paar Tritte gehen wieder in den Leerlauf. Was tun? Komplett neues Hinterrad? Nur ein schmales Rennrad- Hinterrad ist im Laden vorrätig, das theoretisch passen würde. Aber mit 25 kg Gepäck auf Schotter nochmal 1000 km und dann auf einem maximal 25er Reifen fahren... eher nicht. Die zweite Filiale des Ladens hat einen passenden Ersatz- Freilaufkörper. Aber diese zweite Filiale ist 60 km weg. Der Ersatz könnte frühestens am nächsten Tag da sein. Busverbindungen dahin braucht man gar nicht erst zu gucken... Und dann bestelle ich die längste (und teuerste) Taxifahrt meines Lebens. 2x60 km. Chef lässt bei der Partnerfiliale telefonisch alles zur Abholung bereitlegen. Um halb zwei bin ich mit dem Teil in der Trikottasche wieder zurück und mit einem Kloß im Hals warte ich, ob die Reparatur klappt...
Sie klappt. Unglaubliche Erleichterung. Und: weder der Freilaufkörper noch die Reparatur waren teuer - die Taxifahrt war der größte Posten. Es funktioniert einfach! Da stört es mich auch erstmal wenig, dass wir um halb drei wieder im Regen abfahren.
Tusen tack till Melins Cykel & Sports!
Jetzt ist Aufholen angesagt - wir sind dutzende km "zu spät dran". Im Regen fahren wir nahe der Ostseeküste entlang. Trotz Zeitdruck machen wir bei Hargshamn kurz Pause für einen ersten Blick auf die Ostsee oder genauer auf die Schärenlandschaft. Der Regen lässt nach. - Weiter nach Hallstavik. Dort beginnt der geplante hin- und zurück- Abstecher nach Grisslehamn - wohl 50 km. Wenn wir den jetzt weglassen würden, hätten wir unseren Rückstand mit einem Schlag aufgeholt... aber den Reisehöhepunkt verpasst. Mein Mitfahrer biegt schnurstracks Richtung Grisslehamn ab. Also los. Es sollte die richtige Entscheidung sein. Hallstavik ist ziemlich industriell- gewerblich geprägt, aber als wir südlich davon durch Häverödal durch sind, fahren wir eine wunderbare Strecke nach Osten. Die Sundbrücke über die Väddöviken ist sehenswert. Grisslehamn selbst ist ein ruhiger beschaulicher Hafenort. Am Hafen, wo normalerweise eine von zwei Fährlinien zwischen Schweden und den Åland- Inseln beginnt, ist nichts los - laut Information vor unserer Abreise soll der Fährbetrieb wegen Corona derzeit ganz eingestellt sein. Vom Hafen aus sind die Åland- Inseln nicht zu sehen. Das war auch zu erwarten, schließlich sind sie 30 km entfernt und die Hafenpromenade liegt knapp über Meeresniveau. Also weiter nach Skatudden zum Aussichtspunkt. Ein schmaler Weg durch einen Wald führt bergauf. Den letzten Abschnitt schieben wir. Oben, noch ein kleines Stück höher als der auf der Karte verzeichnete Punkt Skatudden, parken wir unsere Räder auf einer Betonplatte, die vermutlich der Rest einer Militärinstallation ist. Die Aussicht nach Osten ist fantastisch. Der Himmel ist halbwegs klar. Eine rote Fähre(?) fährt am Horizont nach Norden. Und bei genauem Hinsehen sieht man Erhebungen: die Åland- Inseln!
Was für ein Ausblick. Es hat hier was von "Land's End" an sich, und der Stress der letzten 24h fällt von mir ab. Tief. Durchatmen.
Und wieder zurück. Durch den Waldweg runter nach Grisslehamn. Überrascht sehe ich, dass sich während unserer Abstechers nach Skatudden am Fähranleger Autos in der Wartespur eingereiht haben - die Fähre fährt also doch schon wieder! - Gegen die Sonne zurück Richtung Hallstavik, über die Sundbrücke. Traumhaft. Reichlich spät finden wir noch vor Hallstavik einen Zeltplatz.

Tag 15. Zurück durch Hallstavik, den Beginn des 50 km- Abstechers von gestern. Wetter grau, aber langsam aufhellend. Richtung Westen nach Uppsala, der nach Malmö größten Stadt in Schweden, die wir auf dieser Reise durchfahren. Wobei "durchfahren" nur das meint und nicht mehr: ein paar Fotostopps, sonst nichts. Einkaufen lässt es sich in Dorfsupermärkten angenehmer. Die Verbindungsstraße nach Uppsala zieht sich in die Länge, erlaubt aber schnelles Vorankommen. Trotzdem erleichternd, als wir auf eine Parallelstraße in Richtung Almunge abbiegen. Ein Bahnübergang: die Schranken gehen fast vor unserer Nase runter, wenige Augenblicke später quert eine Museumseisenbahn. - In Almunge dann erstens ein Dorf- Supermarkt - der Eingang ist etwas skurril hinter der Tankstelle versteckt - und zweitens: Sonne! Mittagspause gleich neben dem Laden (und der Tankstelle) auf einer Picknickbank. Welch ein Luxus!
Jetzt noch etwa 15-20 km nach Uppsala. Man bemerkt schon den "Dunstkreis" der Stadt - Waldflächen werden selten und entlang der Straße ist die Besiedlung einigermaßen dicht. Einige km vor Uppsala kommt uns wieder eine dunkelgraue Regenwolke entgegen. Im Gewerbegebiet vor der Stadt (mit den üblichen riesigen Einkaufsklötzen) dann Niesel. Geht aber und hört schnell wieder auf, die Sonne kommt wieder durch. Der Radweg (gut ausgebaut, an wenigen Stellen etwas verwirrend beschildert) führt direkt ins Zentrum. Ein bisschen Hipster- Architektur. Ein großer Bahnhof. Schweden hat ja sonst nicht (mehr) ein so dichtes Eisenbahnnetz, aber der Bahnhof hier sieht schon nach Verkehrsknotenpunkt aus. Schönes Stadtzentrum, ein bisschen wie Göteborg, aber enger. Richtung Westen in Hanglage noch ältere Architektur, unter anderem der Dom, vor dem wir Pause machen. Mehr Sonne! Nach Westen weiter, und nach ein paar Wohngebieten ist die Stadt auch schon wieder zu Ende. Ein weiterer Bahnradweg führt nach Südwesten raus. Erst asphaltiert mit Mittellinie, dann asphaltiert, dann Schotter. Gegen 16 Uhr dann auch wieder heftiger Regen. Der Bahnradweg geht immer weiter, wird immer schmaler und ist abschnittsweise nur noch ein Trampelpfad. Noch ein längerer Regenschauer. Hinter Örsundsbro (nur "Örsund", nicht "Öresund") biegen wir ab und suchen uns, nachdem noch weiterer Regen runterkam, einen ruhigen (und nassen) Platz im Wald. - 105 km, wir haben den Rückstand von meinem Pannentag fast aufgeholt.

Tag 16. Sonne kommt raus. Unser durchnässter Wald wird heller. Ich versuche mit dem Solarpanel ein paar Sonnenstrahlen zu erwischen, ist aber schwierig, weil die hellen Flecken alle paar Minuten durch die Baumschatten weiterwandern. Abfahrt. Ein bisschen Bullerby auf dem Weg nach Enköping. Enköping selbst ist allerdings wieder eine der moderneren schwedischen Städte, oder zumindest das, was wir davon mitbekommen: Straßen und Gewerbe. Sicheres Kennzeichen für größere Orte: ein Lidl ist vorhanden. Unsere Einkaufsgelegenheit! Mehrere Leute sprechen mich an und sind an Rad und Reise interessiert. - Hinter Enköping wird's ein bisschen spannend: die Hauptstraße 55 Richtung Süden ließ sich auf der Tourplanung nicht umgehen, sie ist weiträumig die einzige Überquerung des Mälaren. Straßen mit zweispurigen Nummern können für Radfahrer problematisch sein - entweder sind sie gesperrt (Autostraßen) und/oder unangenehm stark befahren. OpenStreetMap hatte grünes Licht gegeben, aber ganz vertraue ich der Karte nicht. Ein Umweg würde uns wohl einen ganzen Tag kosten. Egal, einfach losfahren. Der Verkehr ist zunächst tatsächlich ziemlich stark und konzentriertes Fahren ist angesagt. Einen richtigen Seitenstreifen gibt es nicht. Aber auch keinen Hinweis, dass Radfahrer hier nicht fahren dürfen. Immerhin lässt der Verkehr mit zunehmender Entfernung von Enköping zumindest ein bisschen nach. Wir haben wohl 30 km auf dieser Straße zu fahren. Unterbrochen wird die Monotonie von der Hjulstabrücke, einer Klappbrücke über den Mälarsee. Sehenswert! Sehen ein paar Rennradfahrer, die uns entgegenkommen oder überholen, anscheinend genauso. Alles ok also, die Bedenken waren unbegründet. Noch ein paar km weiter: die Strängnäsbron über einen Südarm des Mälaren. Wenige km dahinter haben wir den Streckenabschnitt geschafft. Erleichterung! Noch eine Erleichterung, dass wenige km vor Strängnäs ein Gewittergebiet fast vor unserer Nase rechtzeitig Richtung Ostsee abgezogen ist. Ansonsten scheint das hier eine eher sonnige Gegend zu sein, das legt zumindest die riesige Solaranlage nahe, an der wir vorbeifahren. Raus aus der Gegend Strängnäs, Pause auf einem ruhigen Waldweg. Kaum mit dem Essen fertig, sagen Wetterradar und ein Blick durch die Bäume Richtung Westen, dass das nächste Regengebiet heranrückt. Rechtzeitig fahren wir los und entkommen dem Regen Richtung Südwest. - In Södermannland gibt es relativ viel Landwirtschaft. Als die Walddichte wieder zunimmt, suchen wir uns einen Platz in Seenähe. Der See ist von uns durch mehrere 100m Kahlschlagfläche getrennt und kaum erreichbar, aber wir haben einen tollen Ausblick. Warm und sonnig, einfach mal im Moos sitzen und abhängen. - 100 km, der Rückstand ist aufgeholt.

Tag 17: Abfahrt in der Morgensonne. Einkauf in Julita (merkwürdiger Name für einen schwedischen Ort?): Schokolade, Filmjölk, Wasser usw. Mittagspause am Rand von Vingåker, es wird fast schon heiß (jedenfalls beim Sitzen). Endlich Sommer! (Zum Fahren habe ich aber immer noch meine dünne Windjacke an.) Nachmittags mal für ein bis zwei Stunden bedeckt. Aber unseren Zeltplatz, tief in der Pampa, an einem Waldweg ohne Häuser und von dem nochmal eine unbenutzte Piste an einen See ran, erreichen wir wieder bei Sonne. Die Wendekehre, wo wir unsere Zelte aufschlagen, ist gekiest und hat sich daher angenehm aufgewärmt. Der See ist groß, hat aber niedrigen Wasserstand und die ganze Uferzone ist vermoddert. Keine Bade- oder Waschplatz. Egal, trotzdem schön! - Überraschung aus Deutschland: das Robert- Koch- Institut meldet für Schweden weniger als 50 Corona- Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen. Damit könnte Schweden vielleicht bald von der Quarantäneliste gestrichen werden. Wäre ein gutes Timing - in einer Woche wird unsere Reise zu Ende gehen, und auf 14 Tage Quarantäne- Konserven und Nudeln zu Hause bin ich nicht unbedingt versessen.

Tag 18: es war mit die ruhigste Nacht der ganzen Tour. Besseres Wetter, abgelegener Zeltplatz, Akkus sind voll, Corona- Nachrichten besser und die unterschwellig vorhandene Unruhe, dass mein Rad doch noch wieder Probleme bereiten könnte, hat sich nach einer Woche gelegt. - Leider hat es sich in der Nacht wieder bedeckt. Und kurz vor dem ICA in Berg am Roxen- See fragen wir uns, ob wir doch die Regenjacken rausholen oder durchfahren? Es bleibt bei leichtem Niesel, bis zum ICA jedenfalls. Am anderen Ufer des Roxen ist die Silhouette der "Großstadt" Linköping zu erkennen und außerdem ist der Roxen mit dem Göta- Kanal verbunden, den wir gleich nach dem Einkauf überqueren. Auch hier gibt's eine historische Kanalschleuse. Dann ist aber wirklich wieder Regenjacke angesagt. Bei überwiegend nassfeuchtem Wetter und nach 20 km überwiegend bergauf führender Strecke machen wir uns auf einem feuchten Grasland nahe einer Stromleitung im Wald breit. Soll laut Vorhersage wärmer werden, aber ich glaube der Vorhersage nicht mehr wirklich. Stimmungsaufheller: das Robert- Koch- Institut hat Schweden nun von seiner Warnliste gestrichen - keine Quarantäne mehr! Trotzdem: bloß aufpassen - Jönköping, in dessen Nähe wir morgen kommen, gilt noch als innerschwedischer Hotspot.

Tag 19: Abfahrt im Regen (dank eines zweiten Bechers Kaffee besser zu ertragen). Ab Ulrika dann "nur noch" grauer Himmel, ab km 25 kurz ein wenig Sonne sichtbar und etwas wärmer. Eine ewig lange Schotterstraße durch Waldgebiete folgt. Unsere Einkaufsmöglichkeit kommt erst bei km 65 in Österbymo (den Mini- Laden in Ulrika haben wir ausgelassen). Badestelle am Sommen, aber mir zu kalt, zumal immer noch keine wärmende Sonne spürbar ist. Wohl auf mehreren 100m überqueren Frösche die Straße. Vorsichtig fahren! Zum Abschluss der Schotterpiste noch ein paar derbe Hügel, dann die letzten 13 km auf asphaltierter Hauptstaße nach Österbymo. Einkauf dort beim coop und gleich daneben Mittagspause. Hinter einer Hügelkette - anstrengende, aber schöne Straße mit einer irren Abfahrt - wird es kurz sonnig, aber kurz nach der Grneze zu Jönköpings Län rollt uns ein Gewitter entgegen. Also: unterstellen, schon mal Regensachen (diesmal mit Regenhose!) anziehen und das schlimmste vorüberziehen lassen. Kurzes Nachlassen des Regens, weiterfahren, in Bruzaholm nochmal unterstellen. Wir kommen an einem Campingplatz vorbei. Lauter Wohnmobile, wohl keine Zeltplätze und das Thema "Gemeinschaftsklos" hatten wir ja schon abgehakt. Also stattdessen etwas weiter in einem Wald einen durchnässten Platz suchen. Und während wir die Zelte aufbauen, prasselt es richtig los. Nie war das abendliche Dosenbier so wertvoll wie heute!

Tag 20: Wie so oft sagte die Wettervorhersage Besserung vorher. Diesmal sollte es aber stimmen, nach der Abfahrt kommen um 10:00 erste Sonnenstrahlen durch, ein paar Anstiege beschleunigen das Aufwärmen und damit den Trocknungsprozess von innen, und auf dem Smålandsleden bekommen wir schon eine Menge Sonne ab. Sehenswert: das Tal bei Lammåsa und die Strecke dahinter durch den Wald, die mitten in der Einsamkeit an einer historischen Kupfermine (Kleve gruva) vorbeiführt (sogar mit ein paar Touristen). Noch weiter: noch ein Badeplatz. Wasser ist ok, die Sonne heizt den Steg auf, und diesmal ist es mir auch warm genug für ein kurzes Bad. Und es wird noch wärmer. Beim Einkauf (ICA Kronsberga) ist das Solarpanel schon wieder auf hoher Leistung. - Aus Jönköpings län nach Kronobergs län: Sonne und Wald, Wald und Sonne. Von einer Nebenstraße biegen wir in einen Waldweg ab und schieben die Räder ein paar Dutzend Meter weiter auf eine sommerlich aufgewärmte Lichtung. Sachen ausbreiten, die nassen Zelte trocknen lassen und dem Summen der Insekten zuhören. Wunderbar!

Tag 21: in der Nacht wolkenlos, heller Mondschein, kein Schauer! Die Nachtkühle verschwindet am Morgen sehr schnell. Ich breche meine dritte Packung Kaffeepulver dieser Reise an. Eigentlich will ich hier gar nicht weg, aber die Fähre fährt übermorgen Abend und einen Tag später ist letzter Urlaubstag. Immerhin besteht kein Grund zur Eile, wir sind im Plan. Endlich kann ich ohne Windjacke losfahren, nur im Trikot mit kurzen Ärmeln. Der Sverigeleden führt durch Kronobergs Wälder. Schwedensommergefühl! Einkauf beim coop in Alvesta. Der war übrigens mal ein "Netto", wie eine Information am Laden mitteilt. Anscheinend hat sich Netto seit dem letzten Jahr vom schwedischen Markt zurückgezogen. - Diverse alte Runensteine und Gräberfelder auch hier in der Gegend. - Direkt am westlichen Ufer des Åsnen folgen wir dem ewig langen Bahnradweg Richtung Süden. Dieselbe Strecke wie im Mai, nur jetzt in umgekehrter Richtung und bei (immer noch!) sommerlichen Temperaturen. Und außerdem mit ein paar Touristen, auch Radtouristen, sogar vereinzelten Reiseradlern. Einige deutsche KFZ- Kennzeichen sind zu sehen. Mit dem Ende der Quarantäneregelung war ja auch die Reisewarnung für Schweden aufgehoben worden... Südlich vom Åsnen noch ein Bahnradweg (im südlichen Schweden gibt es wirklich viele davon) entlang der Mörrumsån Richtung Fridafors. Dort sehenswerte Staustufen. Bei km 102 - trotzdem entspannend, vielleicht neben dem Wetter auch weil das Höhenprofil den ganzen Tages über im großen und ganzen bergab ging - und kurz vor der Grenze zu Blekinge Län fahren wir vom Radweg in den Wald hoch. Schön ruhiger Platz.

Tag 22: Vorletzter Tag in Schweden. Kalt beim Aufstehen, es dauert, bis die Sonnenstrahlen zu den Zelten durchkommen. Also wieder mal doppelter Kaffee. Den Bahnradweg (kenne ich schon von einer Radreise vor einigen Jahren) entlang, dann über die Mörrumsån und ruhige Waldstraßen durch Blekinge. Es ist weiterhin warm genug, um ohne Jacke zu fahren. Olofström unterbricht die Ruhe, der Ort ist groß genug, um einen "Willy's" Discounter zu haben. Nach den ganzen Dorf- ICAs auch mal wieder ganz nett, in einem sehr geräumigen Laden einzukaufen und außerdem zu niedrigen Preisen. Die einsamen Waldstraßen haben nun erstmal ein Ende. Mittagspause auf einem Feldweg nur kurz neben der größeren Straße. Ich habe die 2000 km auf dem Tacho voll. Auf "noch einem banvallsleden", der gefühlt unendlich lang ist, fahren wir nach Kristianstad. Die Vorstadt, in die wir von Norden her reinfahren, sieht aus, wie eine Vorstadt halt so aussieht, aber die Stadtmitte gefällt mir. Und die Ausfahrt nach Westen durch das "Naturum" auch. Dahinter dann noch Gewerbegebiet. Und ein weiterer Bahnradweg, ebenfalls von der Tour im Mai bekannt. Es ist nach einigen Jahren Radreisen durch Schweden nicht ganz einfach, komplett neue Routen zu finden. Die Autobahn, die dieser Radweg auf einer großzügigen Fahrradbrücke mit langer Rampe überquert, sah im Mai wie jetzt fertiggestellt aus, ist aber immer noch nicht in Betrieb. Gegen Tagesende kämpfen wir uns den Linderödsåsen hoch, einen breiten und langen Höhenzug, der halb Skåne nach Norden hin abgrenzt. "Oben" ist viel Landwirtschaft, wir brauchen zwei oder drei Versuche, um einen Zeltplatz zu finden. Der, an dem wir uns ausbreiten, ist zwar von den Äckern aus nicht einsehbar, aber als wir uns bereits häuslich eingerichtet haben, hören wir dafür, wie der Bauer seine Maschinen ausfährt. Bis spät in den Abend. Ich dämmere trotzdem irgendwann weg.

Tag 23: Letzter Tag in Schweden. Heute abed 22:00 fährt in Malmö die Fähre ab. Wir haben ordentlich Puffer, also keine Eile. Ein letztes Mal die Zelte zusammenpacken, dann Abfahrt - und die Sonne fängt an zu brennen! Kein Einkauf in Killhult (der Ort heißt so, sieht aber nach friedlichem Bullerby aus), "Lina & Evas lanthandel" macht erst zwei Minuten nach unserer Vorbeifahrt auf und wir haben heute reichlich Einkaufsgelegenheiten zur Auswahl. Nach Killhult schöne Waldstraße, später dann weite Felder. Skåne eben, Schwedens Kornkammer. Kurz nach steiler Abfahrt vom Linderödsåsen unsere auserwählte Einkaufsgelegenheit: der ICA in Harlösa. Gleich nebenan noch mehrere Erinnerungen an die Maitour: ein Bushaltestellenwartehäuschen, in dem wir uns damals vor dem Regen untergestellt hatten. Heute nicht! Und ein weites Militärgelände, das aber auch heute offen für die Durchfahrt ist. Södra Sandby, das ist dann schon fast wie zu Hause. 10 km von dort nach Lund. Am Hardebergaspåret, der schnellsten (Fahrrad-)Verbindung dorthin, dann unsere letzte Mittagspause in Schweden. Jede Menge Zeit, wenn jetzt das Fahrrad noch auseinanderbricht, könnte ich es auch noch die 25 km bis zum Check- in in den Hafen von Malmö schieben... durch Lund durch und die verbleibenden 20 km nach Malmö und die letzten 2,5 km durchs Hafengelände zum Check- in. Wir müssen dort ein paar Stunden warten, Check- in beginnt erst wenige Stunden vor Abfahrt. Ich füttere mit meinen Kronen- Münzen den Getränkeautomaten. - In der Dämmerung dann die obligatorische "Finnlines"- Warnweste überziehen und bei grüner Ampel die letzten 1,5 km von der Auto- Wartespur direkt in den Bauch der Fähre rein. Es gibt reichlich Platz auf dem Autodeck. Abfahrt gegen 22:00, Malmös twisting tower, Durchfahrt unter der Öresundbrücke, ab in die Koje.

Tag 24: Deutschland: die Fähre hat nicht ihre gewohnte halbe Stunde Verspätung, sondern wir kommen pünktlich um sieben in Travemünde an. Also kein Trödeln, für einen Kaffee ist mir die Zeit zu knapp. Offboarding. Jede Menge LKWs, Nieselregen - und keinerlei (Corona-)Kontrollen, zum zweiten Mal in diesem Jahr. - Rückfahrt nach Hamburg: 86 kaum erwähnenswerte km, immerhin wird das Wetter immer besser. Um 13 Uhr stehe ich vor meiner Haustür. Ende der Reise. 2225 km Gesamtstrecke.

Geschrieben 08.09.2020, Geändert 09.09.2020, 423 x gelesen.

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