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Radreise Oslo - Falun - Dalarna - Vasaloppsleden - Oslo im Hitzesommer (Juli 2018, 16 Tage, 1420 km)

Von h42

Tag 1 - Anfahrt nach Kiel

Kurz vor 5 Uhr früh Abfahrt in Hamburg. Um 12 müssen mein Mitfahrer (der eine Stunde später dazustößt) und ich in Kiel am Oslokai sein. Die Fähre fährt dort um 14:00 ab. Etwa 110 km sind es bis dahin. Die ersten km fahre ich nur im Schneckentempo, weil ich mich trotz einer mehrtägigen Vorbereitungstour erneut an das Fahrgefühl des voll bepackten Reiserades gewöhnen muss. Wetter ist gut. Abseits der Hauptstraßen geht's nach Norden, durch das NSG Alsterwiesen, durch Wakendorf II und durch Neumünster. Im Falle einer größeren Panne gibt es hier noch die Regionalbahn nach Kiel als Möglichkeit, rechtzeitig bei der Fähre zu sein. Aber: keine Panne, sondern wir haben sogar noch genug Zeit, um einige km vor dem Hafen im Supermarkt Vorräte zu bunkern.
Ziemlich pünktlich um 12 stehen wir zwischen PKWs in der Warteschlange am Check- In. Der Oslokai ist zwar bloß ein paar 100m Luftlinie vom uns bereits bekannten Kai der Stena- Linie nach Göteborg entfernt, aber der (Radfahrer-)Weg dorthin war trotz GPS- Navi nicht ganz einfach zu finden - wir fuhren auf einem Parkplatz in die Sackgasse... Überraschung beim Check- In: wir bekommen eine Kabine mit Außenfenster! Allerdings müssen wir nach dem Hochfahren aufs Autodeck dort und dann oben auf dem Kabinendeck noch ein bisschen warten, bis wir die Kabine beziehen können.
Bierdose auf! Wirkt sehr intensiv nach gerade mal drei Stunden Schlaf in der Nacht zuvor, stundenlangem Radfahren und der üblichen elenden Gepäckschlepperei (4 Satteltaschen!) vom Autodeck auf die Kabine. Dann Dusche und ein komatöses Nickerchen. Wieder wachgeworden, aufs Deck und dort die Ausfahrt aus der Kieler Förde angucken und fotografieren. Besichtigung der Innereien der Fähre: alles voll mit Konsumgelegenheiten. Shoppingmeile, mehrere Restaurants, Fitnessstudio, Spielcasino, Kino, Nachtclub, Golfsimulator, Showtheater. Und gläserne Aufzüge! Nicht so mein Ding. Die Durchfahrt unter der Storebæltsbroen ist interessanter!
Irgendwann dann Feierabend. Unsere Kabine hat zwar eine tolle Aussicht, aber mit unseren Satteltaschen sieht sie wie vollgemüllt aus. Nicht vergessen: alle elektrischen Geräte nochmal aufladen, ab morgen gibt's keine Steckdosen mehr!

Tag 2 - aus Oslo raus

Halb sieben wache ich auf - laut Live- Karte im Bordfernsehen beginnt jetzt die Einfahrt in den Oslofjord. Die ist 3 1/2 Stunden lang, wir haben also noch viel Zeit. Die Vorräte vom Supermarkt bei Kiel sind mit dem Frühstück schon wieder weg. Einkaufen dann in Norwegen, denn die Shoppingmeile im Schiff hat zwar einen "Supermarkt", aber der hat bloß Elchschinken, Schnaps, Lachs, Süßwaren - aber nicht mal eine simple Box Kartoffelsalat! Gefräßige Radreisende sind nicht die Zielgruppe dieses halben Kreuzfahrtschiffs. Immerhin gibt es Kaffee (24 NOK = 2,70€) in Porzellantassen. Den gönnen wir uns.
Zunächst war es noch dicht bewölkt, aber während der Einfahrt in den Oslofjord wird es langsam sonnig und sehr warm.
Runter aufs Autodeck. Dort das übliche Procedere: zwischen den Autos zur Fahrrad- Abstellecke durchwurschteln, Satteltaschen einklinken, Schlafsack auf dem Gepäckträger festspannen - und warten.
Endlich raus aus dem Schiff! Der erste Eindruck von Norwegen: die Sonne knallt! Bei der Grenzkontrolle werden wir durchgewunken, und gleich hinter dem Hafengelände beginnt ein 1a Radschnellweg. Den nehmen wir und kommen dank GPS- Navi und guter Ausschilderung schnell in die Innenstadt, vorbei am Nobel Fredssenter (=Nobel- Friedenszentrum) und zum Rathaus- Vorplatz. Das berühmte Osloer Rathaus ist uns einen zehnminütigen Fotostopp wert, ebenso kurz dahinter die neue Oper im futuristisch- funktionalen Baustil. Dahinter ist eine riesige Baustelle, anscheinend wird das halbe Stadtzentrum umgebaut. Der Operatunneln, durch den unter unseren Füßen der meiste Autoverkehr fließt, soll auch noch nicht allzu lange fertiggestellt worden sein. Erfreulich: obwohl die Stadt ziemlich eng gebaut ist, hat man immer noch ein bisschen Platz für Radwege gefunden.
Wir sehen zu, dass wir Richtung Nordosten auf der Haupt- Radroute aus der Stadt rauskommen. Eine Schranke sperrt das Zentrum gegen normalen (Auto-)Durchgangsverkehr ab. Man merkt jetzt, dass wir in Norwegen sind: es wird hügelig! Auch der direkt an der Autobahn verlaufende Teil des Radweges hat abschnittsweise deftige Steigungen. Aber wir sind noch frisch. Und irgendwie ist alles sehenswert. Da ich hier zum ersten Mal durchfahre, finde ich selbst die Gewerbegebiete irgendwie interessant.
Kurz vor zwölf, km 17: der erste Einkauf beim Rema 1000 (Discounterkette) in Lørenskog. Blaubeersirup und Tubenkaviar und gesüßtes skandinavisches Labberbrot. Zucker und Kohlenhydrate, auf einer Radtour gut verwertbar! Und Tafelwasser in Flaschen. Unser Wasserverbrauch ist schon jetzt hoch. Eine Dose Thunfisch kostet hier weniger als in Deutschland (Dose in Standardgröße ca. 1€ vs. 1,29€ bei meinem Stamm- Supermarkt), ansonsten liegen die Lebensmittelpreise teils drastisch über deutschem Niveau.
Die Vororte von Oslo ziehen sich, aber kurz nach 13:00 kommen wir aus Lillestrøm raus auf freies Feld. Rechts die Bahnlinie, links die Straße, wir auf einem zunächst schnurgeraden und im Augenblick steigungsfreien Radweg. 29 Grad! Über die nach Trondheim führende Autobahn E6 rüber weiter nach Nordosten. Kulturlandschaft, kleine Städtchen. Pause an der Ullensaker Kirke und auf dem Friedhof Leitungswasser nachgefüllt. Wenige km dahinter wird es ländlicher. Und dann die ersten Waldabschnitte. Vor Jessheim biegen wir nach Osten ab, an dieser Stelle endet sozusagen unser Auftakt - hier beginnt unsere große Runde quer durch Schweden und hierher werden wir in zwei Wochen aus Richtung Norden wieder zurückkehren.
Gegen 16:30 und bei km 70 überqueren wir bei Årnes (4200 Einwohner) die Brücke über die Glomma, den längsten Fluss Norwegens (601 km). Pause am Bautaplassen. Dort steht ein Gedenkstein für ein hiesiges Opfer des Terroranschlags 2011 auf der Insel Utøya. Danach ein zweiter Supermarkteinkauf. Langsam sind wir platt, fahren aber noch zwei km in ein laut Karte riesiges Waldgebiet rein, das auch mehr oder weniger das Ende der Fahrt durch Kulturlandschaft bedeutet. An einem See finden wir einen Platz im Wald, um die Zelte aufzubauen. Blaubeeren, Bier aufmachen, Essen kochen - und bis spätabends von der tiefstehenden Sonne bescheinen lassen. Ein gelungener Norwegen- Auftakt!

Tag 3 - Schotter, Wald und grüne Grenze nach Schweden

Angenehme Nacht und halb sieben ohne Wecker wach. Gegenüber auf der Insel im See kreischt eine Möwenkolonie. Kaffee! Mein neuer Outdoor- Permanentfilter kommt dafür zum Einsatz - ein dünnes Kunstoffnetz mit drei Plastikbeinchen, die man auf den Tassenrand steckt. Simpel und ohne Verbrauchsmaterial außer Kaffeepulver und heißem Wasser. - Zelte abbauen, Sachen packen, Abfahrt kurz nach 9.
Es folgen 20 km Schotterpisten durch den Wald. Der Schotter an sich fährt sich gut, aber die ab und zu auftretenden ”Wellen” an manchen Stellen, wohl von durchdrehenden Autoreifen verursacht, zwingen zur langsamen Fahrt. Deswegen geht es auch bergab oft mit angezogener Bremse voran - manchmal sind die Wellen erst wenige Meter vorher sichtbar. Die ohnehin schon großen Abstände zwischen einzelnen Häusern werden noch größer. Endlos zieht sich der Rakeievegen durch den Wald. Kurze Unterbrechung: in Rakeie (ein paar Häuser, kein Dorf) gibt es eine kleine Gedenkstätte an die Zeit von 1940 - 1945. Hier wie an anderen Stellen in der Gegend sind viele Norweger vor den einrückenden deutschen Besatzern in das ca. 30 km Luftlinie entfernte Schweden geflüchtet. - Kurz dahinter: Schieben! Wir biegen in eine steile Mautstraße ein. Sehr modern mit SMS- Bezahlung, Radfahrer werden auf der Preistafel allerdings nicht aufgeführt. Wohl aber eine "straffgebyr" für Mautpreller! Auch ohne Bergaufpassagen schwitzen wir. Der eine oder andere Bach ist fast ausgetrocknet. - Am nächsten "Ort" (man sieht vereinzelte Häuser) weist eine Holztafel darauf hin, dass dies der Geburtsort von Hans Børli ist. Muss wohl ein recht bekannter norwegischer Dichter gewesen sein. Kurze Pause am See. Dessen Wasser sieht eher braun als trinkbar aus, gebrauchen könnten wir welches. Noch einige Zeit Schotter, dann kommen wir am Ende eines Flusstals zu einem richtigen Ort: Vestmarka. Neben einer halb fertigen (oder halb verfallenen?) Skateboard- Bahn machen wir Mittagspause. In Skillingsfors, 15 km Luftlinie, dann schon in Schweden, gibt es eine Einkaufsgelegenheit mit Wasser. Bei der Kirche am Ortsausgang von Vestmarka leider wieder keines. Wir verlassen Vestmarka Richtung schwedische Grenze. Auf einer verschlungenen Nebenstraße geht es nach Südosten, Richtung Charlottenberg, also doch nicht direkt südlich nach Skillingsfors, das wäre abseits unserer Routenplanung und so dringend nehmen wir das Wasserproblem im Augenblick doch noch nicht wahr, dass wir den Umweg machen wollen.
Vielleicht 5 km hinter Vestmarka schwitzen wir uns eine Steigung hoch, wollen auf den Weg nach Süden abbiegen - aber der ist bloß ein Strauchpfad. Also wieder runter und einen km Umweg fahren. Wir fahren den Weg zuende und landen in einer Sackgasse vor einem einsamen Haus. Die Openstreetmap- Karte (und Google Maps erst recht) waren 2018 in dieser Gegend noch in lausigem Zustand. Nach Rumprobieren schieben wir unsere Räder eine Wiese hoch und finden dort den Pfad, der in den Wald abbiegt. Und mein Handy bekommt schon mal eine SMS von einem schwedischen Netzbetreiber - die Grenze ist nur noch einen km entfernt - Luftlinie allerdings. Im Zickzack gelangen wir in eine Häuseransammlung namens Braserud. Eine hilfsbereite Anwohnerin versorgt uns mit Flaschenwasser (Leitungswasser gibt's hier nicht!) und zeigt uns, wo der Pfad nach Schweden ist. Wir brauchen zwei Anläufe bis wir den Pfad tatsächlich sehen. Dass wir dann - schiebend! - die Grenze überqueren, bemerken wir erst gar nicht. Erst viel später sehe ich auf den Tourfotos abgeschlagene Baumstämme - Schneisen im Wald sind wohl die übliche Art, die norwegisch- schwedische Grenze zu markieren. - Von der Schieberei durchs Gestrüpp (das mir hin und wieder die billigen vorderen Satteltaschen aus der Halterung nach oben rausdrückt!) kommen wir auf einen Feldweg. Endlich! Aber, kurze Freude: es folgt ein Abschnitt mit so grobem Schotter, dass wir erneut schieben müssen. Und dann ist der Feldweg zuende. Ein Pfad geht in den Wald rein und verliert sich - nur ein paar rote Farbkleckse an Bäumen zeigen, dass das hier wohl doch der richtige Weg ist. Über Stock und Stein, wortwörtlich. Einmal nehmen wir die Satteltaschen komplett ab, um das Rad über eine Felskante hieven zu können. Wir schieben und tragen und tragen und schieben. Gegen 18:00 lichtet sich das Gestrüpp. Wir kommen auf eine Wiese. Ein Zaun mit einer Lücke zeigt, dass wir wieder in Hausnähe kommen. Und wo ein Haus, da auch eine Straße. Nach mehreren Stunden sind wir erleichtert, endlich wieder normal auf einer wunderbar bequemen Schotterpiste fahren können - in Richtung der nächsten Einkaufsgelegenheit. Sehr erleichtert fahren wir die paar km nach Eda Glasbruk rein, immer nur vielleicht zwei km parallel zur Grenze nach Norwegen. In Eda gibt's auch endlich einen Supermarkt - und zwar einen richtig großen. Wie schon öfter gesehen, umsorgt man in Grenzorten gerne norwegische Schnäppchenjäger. Und der Laden wirbt mit "Sveriges längsta manuella köttdisk" (Schwedens längste Fleischtheke mit Bedienung). Uns interessiert aber am meisten die Getränkeabteilung - Bier und endlich Wasser!
Nach dem Supermarktbesuch und einer dringend überfälligen Pause wollen wir noch die paar km zur nächsten geplanten Zeltgelegenheit in 12 km machen. Die Uhrzeit ist schon fortgeschritten, wir haben durch die Schieberei durch den Wald viel Zeit verloren, aber wir wollen nicht hinter der Tourplanung zurückfallen.
Die letzten km hinter Eda verfliegen wie im Rausch. Mit Wasser und Zuckerzufuhr und nach 70+ km nur mit Schotter und Waldpfaden jetzt endlich mal wieder Asphalt! Bei km 90 schlagen wir die Zelte im Wald auf, der See nebenan ist nicht zugänglich und es ist schon 21:00. Für Bier und Essen kochen reicht's aber noch!

Tag 4 - Hitze

Abfahrt kurz nach 9. Nach wenigen km von der Asphaltstrecke aus Eda gestern runter und wieder auf Schotter in den Wald und in die Sonne. Einsam: fast keine Häuser und eine Abzweigung mit Wegweisern ist schon einen Fotostopp wert.
Nach etlichen km: Bogens Kyrka (mit Wasserpumpe!) und ein Mini- Ort. Es ist heiß!
Nach dem Schotter folgen 20 km wie im Rausch auf asphaltierter Straße - es geht überwiegend bergab und der Kiefernharzduft aus den Wäldern benebelt mich. Dann flache Strecke am Kymmen(-see). Kurz vor eins sind wir nach einer ziemlich flotten Fahrt beim ICA nära Supermarkt ”Rottnahallen” in Uddheden. Der hat sogar ein Touristenbüro: es besteht aus einer gelben Holzbox mit Prospekten. Konserven und Wasser einkaufen - und "punschrullar". Die fangen an in der Hitze zu vermatschen, kaum dass ich den Laden mit ihnen verlassen habe.
Und weiter: durch das Städtchen Sunne und auf der Straße S 801 nach Osten. Das Hinweisschild "Mårbacka" nehmen wir gar nicht weiter wahr, es ist Selma Lagerlöfs Geburtshaus und soll eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Schwedens sein. Wir bemerken nichts davon, da der Zuckerrausch von der Mittagspause längst verflogen ist, der letzte Abschnitt in der prallen Sonne bergauf ging und bleierne Trägheit eingesetzt hat. Statt Besichtigung hauen wir uns irgendwo in einem Seitenweg im Schatten kurz ins Gras. Ich nicke kurz ein.
Noch 15 km machen wir nach der Pause. Kurz vor 100 km und der Brücke über den Klarälven suchen wir uns einen Platz in der Nähe des Emsen(-sees). An den See selbst kommen wir nicht ran. Egal, Windrauschen in den Blätterkronen ist auch so schön.

Tag 5 - Abkühlung

Überraschung um halb sieben - es ist bedeckt! Und als Höchsttemperatur sind für heute "nur" 25 Grad angesagt. Meine Filmjölk hat die gestrige Hitze aber gut überstanden, den Rest gibt's zum Frühstück.
8:30 los, kurz danach überqueren wir bei Olsäter den Klarälven und biegen auf den banvallsleden (Bahnradweg) am Ostufer des Klarälven ab. Entspanntes Fahren - keine Autos, keine Steigungen. Bevor es auf Karlstad zu geht, biegen wir nach Osten ab. Die Straßen hier wie auch anderswo in Süd- und Mittelschweden haben häufig abschnittsweise 200 Jahre auf dem Buckel - am Straßenrand sieht man gelegentlich Steinsäulen mit Meilen- Markierungen und Jahreszahl aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. - Einkauf und Bargeldnachschub am Automaten in Molkom. Nochmal u.a. fiskbullar- Konserven, mehr oder weniger verzuckerte Softdrinks und natürlich Wasser.
Weiter nach Osten. Erstmal kein dichter Wald mehr, sondern viele Felder. Gehöfte. Weiterhin bedeckter Himmel. Kurzfristig entscheiden wir uns, einen größeren Schlenker um ein Waldgebiet durch über auf OSM eher zweifelhaft aussehende Waldwege abzukürzen. Würde 20 km sparen. Vorbei an der Nygårdskällan, wohl eine ehemalige(?) Heilquelle, die laut Informationstafel vor langer Zeit hier mitten im Wald piekfeines Publikum anlockte, und durch den "Kungsskogen" (Königswald). Ordentliche Straßenverhältnisse! Ein privates Straßenschild: "Värdefull katt utan traffik vett” ("(Vorsicht,) wertvolle Katze ohne Verkehrskenntnisse!") - Hinter dem Wald kommen wir auf die geplante Route zurück - erfolgreich 20 km gespart und einen etwaigen Rückstand haben wir nun auch aufgeholt.
Viel später kommen wir an einen erstaunlichen Ort: Lancelot Riddarland bei Bjurbäckens Slusscafé (an einer alten Kanal- Schleusenanlage). Eine Art Ritter- Erlebnispark. Im Augenblick ist nichts los, wir tratschen mit den beiden vom Café. Aber nicht zu lange, der Tag neigt sich. - Die Sonne kommt erstmals heute durch die Wolkendecke. Wir finden nach einiger Sucherei einen 1a Zeltplatz auf einer Landzunge in einem See. Es ist etwas mühsam, Räder und Gepäck über einen Trampelpfad dort hinzubekommen, aber die tiefstehende Sonne über den Hügeln am Ufer und der Ausblick auf den See auf drei Seiten sind die Mühe wert.
Heute hatten wir den südlichsten Tour- Punkt in Schweden passiert, jetzt geht es nach Nordosten. Knapp 100 Tages- km.

Tag 6 - Grythyttan

Wieder früh wach, und erneut bedeckt. Für ein morgendliches Bad im See etwas zu frisch! - Nach der Zurückschlepperei der Räder auf die Straße geht's wieder erstmal vorwiegend durch Wälder. Unterbrochen von einer Eisenbahnlinie und dem Ort Grythyttan (mit LKW- Verkehr, etwas Industrie und einem "Tempo"- Tante- Emma- Laden). Die Ortsmitte ist hübsch rausgeputzt. Kurz hinter Grythyttan steht ziemlich einsam ein fururistisches Gebäude in der Landschaft - später finde ich heraus, dass es der ehemalige Pavillon Schwedens auf der Weltausstellung 1992 in Sevilla ist. Dann wieder Wald und gegen Mittag ist auch die Sonne wieder da! Wärmer und wärmer wird's. Und als wir in eine staubige Nebenstraße einbiegen, fließt der Schweiß erst richtig - das Bergauf und -ab geht wieder los. Einkauf in Storå (2000 Einwohner, mit Bahnstation). Die Zeltplatzsuche ist wirklich etwas schwierig. Irgendwo hinter Ramsberg (200 Einwohner, aber anscheinend mit 500 Jahren Geschichte) reicht es uns und wir nehmen eine belanglose Fläche nur ein paar Dutzend Meter abseits der Schotterpiste. Immerhin mit gutem Handy- Empfang - gleich in der Nähe ist ein großer Sendemast. Grundsätzlich hatte ich in Schweden übrigens bislang fast überall "irgendwie" Empfang, aber häufig leert sich der Smartphone- Akku nach wenigen Stunden - das Smartphone muss halt ganz schön Leistung raushauen, wenn der nächste Sendemast weit entfernt ist. - Erneut knapp 100 Tages- km.

Tag 7 - nach Dalarna

Schon beim Aufbruch gegen 9 wird's sehr warm. Durch das Malingsbo- Kloten- Wildnisgebiet nach Norden. Danach folgen asphaltierte Straßen. Rückenwind aus Süden! Es "rollt". Nach Dalarnas Län rein - in das "Herz Schwedens". Ein kurzes Stück auf dem Riksväg 66, dann Einkaufsstopp in Söderbärke (1000 Einwohner). Ein winziger Hund, der am Fahrradständer angebunden ist, fängt wegen irgendwas an loszukläffen - und reißt dabei fast das vollbepackte Reiserad meines Mitfahrers um!
Wir setzen uns nach dem Einkauf hinter dem Laden im Schatten auf eine Holzpalette und machen Mittagspause. Hund und Herrchen sind schon weitergezogen. Jetzt 31 Grad! Dank Asphalt und Rückenwind trotzdem gut vorangekommen. Schon kurz nach vier und wenig über 80 km finden wir auf einer gerodeten Fläche an einem See einen Platz. Komische Löcher im Boden, Vorsicht beim Rumlaufen! Muss mal eine wilde Party hier stattgefunden haben - eine verrostete Dose "Surströmming" (schwedisch fermentierter (vergammelter!) Fisch) liegt rum. Und ein paar große Tierknochen. Essen und Waschen!

Tag 8 - am Dalälven und durch Falun

Muss bald eine Packung Kaffee nachkaufen, stelle ich beim Frühstück fest. - Die ersten km fahren sich zügig, da bergab und überwiegend asphaltiert. Skenshyttan ist ein weiter Ort mit einer historischen Verhüttungsanlage. Richtung Nordosten auf die W 655 Richtung Falun. War bei Reiseantritt nicht klar, ob wir dort ganz hin wollen, aber da wir gut im Plan sind, machen wir es so.
Hinter Hovgården ändert sich der Charakter der Landschaft erheblich. Der Wald ist zuende. Wieder mehr Zivilisation: Autobahn, Eisenbahn, Weiden, Ackerlandschaft. Wir kommen in das Älvsdal ("Flusstal") mit dem Dalälv ("Talfluss"). Sogar an einem kleinen Flugplatz kommen wir vorbei (Borlänge Flygplads alias Dala Airport). Kurz hinter Naglaby (hübsch zurechtgemachte rote Häuser) kommen wir an den Fluss. Ein beeindruckender, langsam dahinfließender Strom und der längste ins Meer mündende Fluss Schwedens. Wir werden ihm in den nächsten Tag grob stromaufwärts folgen. - Bier und Wassernachschub beim ICA in Ornäs. Es ist weiterhin heiß!
Ein etwas schotteriger Radweg führt uns auf Falun zu. So gerade, wie er in Abschnitten verläuft, ist er bestimmt wieder ein "banvallsleden". Und dann: Falun. Traditionelle Heimat des "Falun- Rot", mit dem gefühlt 3/4 aller schwedischen Holzhäuser gestrichen werden. Auf einer richtigen Picknickbank machen wir Mittagspause.
Nach Falun rein. Das nette Stadtzentrum langsam durchfahren, ein paar Fotos machen. Kirche, zentraler Platz. Und schon wieder Richtung Nord- Nordost aus der Stadt raus. Die Skisprungschanzen sind auch im Sommer einen weiteren Fotostopp wert. Und da sie wie üblich auf einem Berg stehen, heißt es: bergauf! Das Thermometer zeigt jetzt bis 32 Grad an. Beim coop in Sundborn kaufen wir erneut Wassernachschub. Hinter dem Svärdsjön tauchen wir wieder in bewaldete Gegenden ein. 50% Bewölkung bringen Linderung von der Hitze. Kurz vor fünf biegen wir nach rechts in einen toten Waldweg ab, an dessen Ende wir unsere Zelte aufschlagen. Eine auf dem Satellitenfoto erkennbare Regenwolke bringt ein paar Tropfen, weit in der Ferne grummelt ein Gewitter. Wir bauen in Eile die Zelte auf, aber die Wolke zieht schon wieder weg und die Sonne knallt wie gehabt. Neben unserem Platz ist eine Elchspur zu sehen!

Tag 9 - Wildnis

Kein nächtlicher Elchbesuch, dafür Tautropfen auf dem Zelt und den Taschen. Die wird die Sonne aber gleich schnell wegbraten. Sehr schwacher Rauchgeruch hängt in der Luft, womöglich weit entfernt ein Waldbrand. Vor dem Start justiere ich meine mittlerweile schon gut abgenutzten Bremsklötze nach.
Zum Start asphalierte, aber kaum befahrene Straße durch endlose Wälder - gelegentlich durch riesige Schneisen für Stromleitungen unterbrochen.
In Svartnäs ist dann Schluss mit dem Asphalt - und hier ist auch "Wendepunkt", der östlichste Punkt unserer Tour, wenig mehr als 50 km Luftlinie von der Ostsee entfernt. In Svartnäs biegen wir auch vom Sverigeleden weg. Es folgt Schotterpiste! 15 lange km kein einziges Auto, nicht mal mehr einzelne Häuser. Weiter, immer weiter durch lappländisch anmutenden Wald. Die Versorgungslage wird schon wieder etwas eng. Immerhin kommt der nächste Laden wohl doch nicht erst morgen in Mora, sondern laut Karte schon heute etwa bei km 70 in Dalfors. Ein Höhepunkt in der Wildnis: eine andere Schotterpiste kreuzt unsere! Nach etwa 30 km kommen wir in Lamborn wieder auf Asphalt, die W 889 Richtung Nord- Nordwest. Jetzt sind wir bei km 50. Pause am Eljastjärnen. Weiter. In Bingsjö finden wir überraschenderweise (weil damals noch nicht auf OSM eingetragen) einen lanthandel, der eigentlich eher ein Tankstellenkiosk ist, und kaufen das notwendigste ein - zu deftigen Preisen.
Rechts der Straße liegt der Amungen(-see), und wir halten Ausschau nach einem Platz am Wasser. Der erste gefällt uns noch nicht ganz, wir fahren noch einen km weiter, finden nichts besseres und fahren wieder zurück, da die Straße danach vom See wegführt. Aber eigentlich ist der erste Platz prima. Wir haben Glück, dass wir zuvor noch in Bingsjö einkaufen konnten, denn den zuvor eingeplanten lanthandel in Dalfors erreichen wir heute nicht mehr.
Entspannter Abend am See.

Tag 10 - Mora - Österdalälven

Wenn wir gestern nicht den Lanthandel in Bingsjö gefunden hätten, hätten wir wohl ein kleines Problem gehabt: wir hätten mehr als eine Stunde warten müssen, bis der Laden in Dalsfors öffnet! Übrigens ist der Laden der nördlichste Punkt unserer Reise.
Mit Rückenwind geht’s auf Furudal zu. Kurz nach neu finden wir am Oresjön einen großen ”langgezogenen und kinderfreundlichen” Sandstrand (Wikipedia). Wie sich’s für Schweden gehört, ist der Strand menschenleer. Das nahegelegene Furudal hat trotz Bahnstation, ICA und "Europas größter Hockeyschule" bloß 400 Einwohner, von denen es wohl nicht so viele schon um 9:30 hierher zum See zieht. Größerer Einkauf beim ICA - Nachholbedarf!
Kurz nach Furudal sehen wir zwei langsam brummenende Flugzeuge entgegenkommen - in die Richtung, aus der wir seit vorgestern kamen (mit dem morgendlichen Rauchgeruch!). Die sehen nach Löschflugzeugen aus. Später im Sommer lese ich, dass es in Schweden eine Kontroverse gibt, weil das Land zwar riesige Waldflächen hat, aber keine eigenen Löschflugzeuge. Die beiden kommen also womöglich aus Norwegen.
Richtung Südwesten, zur Rechten das weite Tal des Oreälven - grandiose Fernsicht! - und Richtung Mora. 366m Höhe, klingt nicht viel, mussten wir uns aber sauer ertreten. Noch ein paar km bis Orsa. Seit Skattungsbyn sind die Straßenschilder teilweise zweisprachig, wir kommen in den dalekarlischen Sprachraum. Eine Gruppe von nur noch wenig gesprochenen schwedischen Dialekten, von denen das Älvdalische mittlerweile als eigene Sprache betrachtet wird, es unterscheidet sich im Schriftbild mehr vom Schwedischen als das Norwegische und gelegentlich liest man, dass es für andere Schweden "unverständlich" sei.
Dass wir dann am Orsasjön sowhl zur E45 als auch zu einer Bahnlinie parallell entlangfahren, ist schon mal ein sicheres Zeichen von Stadtnähe. 12600 Einwohner sind hier schon eine Hausnummer! Bei km 75 kommen wir nach Mora (sprich: "Muhra"!) rein. Mora ist das Ziel des Vasaloppet (Wasalaufs), eines der größten Skilanglaufrennen der Welt. Mehrere zehntausend starten über die verschiedenen Distanzen (Hauptstrecke: 90 km). Wir werden dann parallel zur Wettkampfstrecke in entgegengesetzter Richtung nach Westen weiterfahren. Mora ist sichtbar von der fast 100 Jahre alten Veranstaltung und ihren Ablegern (Ski- Kurzstrecke, Ultralauf, Radrennen) geprägt. Den Zielbereich mit Vasaloppet Museum, Zielbogen ("I fäders spår - för framtids segrar" - "In der Spur der Väter - für Siege der Zukunft") und die Statue von Gustav I. Wasa, dessen Flucht und Wiederkehr im Krieg gegen die Dänen 1521 der historische Anlass für die Veranstaltung war, schauen wir uns an.
Zwischen (Alt-)stadtarchitektur eiern wir auf der Suche nach dem ICA durch die Stadt und sehen auch ein Straßenschild "Vasaloppsvägen". Das werden wir noch ziemlich oft sehen!
Einkauf beim ICA. Dann der Vasaloppet- Strecke Richtung West- Nordwest aus der Stadt folgen, parallel zum Österdalälven. Dalälven, genau, der von vorgestern. Flussaufwärts, aber auch parallel zu einer Eisenbahnstrecke und damit ohne allzu große Steigungen.
Etwa bei km 90 schlagen wir am Sputsmosjöen in einem angenehmen Waldstück die Zelte auf. Mit Zugang zum See! Und als der lautstarke Wasserskiläufer weg ist, kehrt auch Ruhe ein.
Mein Vorderradreifen sind schon ziemlich abgefahren, zu Hause müssen bald neue rauf!
Heute ist unser vorletzter Tag Schweden, zur Grenze nach Norwegen sind es noch 130 km.

Tag 11 - Vasaloppsvägen und Skigebiet Sälen

Einmal mehr traumhaftes Wetter beim Aufstehen. Allerdings ist Regen angesagt. Und beim Losfahren zieht der Himmel von Osten her zu. Aber mit den Wolken kommt auch Rückenwind. Und los geht's auf dem Vasaloppsvägen. Gemeint ist damit die Landstraße, die überwiegend in Sichtweite der Skipiste Mora und Sälen verbindet.
In Oxberg gibt es eine Tankstelle, ein Schild "Sälen 65 km" (soweit ist es also noch bis zum Vasalauf- Start) und eine "kontrollstation" (Zwischenzeitnahme und/oder Versorgung der Skiläufer). Wir biegen hier nach links ab, weg vom Dalälven, aber weiter auf dem Vasaloppsvägen. Da wir an der Tankstelle nicht einkaufen konnten (ich glaube der Laden hatte geschlossen), machen wir kurz vor 9 am Oxbergssjön halt und füllen Seewasser in die Trinkflaschen. Besser das als nichts. Kurz danach fahren wir in Älvdalens Kommune rein, oder wie es auf dem schwdisch- älvdalisch- zweisprachigen Straßenschild heißt: "Älvdaelien tjïelte". Das Wetter schwankt zwischen grau und kleinen Wolkenlücken. Es geht bergauf. Kurz vor Evertsberg erreichen wir den bislang höchsten Punkt der Tour (444m). Und dort fangen die Wolken an sich am Berg abzunieseln. Kurz nach 10 erreichen wir die Vasalopp- Kontrollstation Risberg, 55 km vor dem Ziel in Mora. Ein weitläufiges Gelände mit Versorgungsstation, Zwischenzeitanzeige und Informationstafeln. Da sich das Wetter wieder aufgeheitert hat, nutzen wir die Gelegenheit und den Picknicktisch zu 20 Minuten Pause. Der Tisch scheint in Kürze benutzt zu werden, und zwar als Verpflegungstisch von Teilnehmern an dem Vasa- Ultralauf. Neben einer Box mit Keksen, Rolle Klopapier und mehr liegt ein Zettel: "Ultravasa- läger - Rör ej!" = "Berühr nicht!" = "Finger weg!"
Und weiter. Die Wolken verdichten sich wieder und es geht weiter bergauf, jetzt 529m. Die Skistrecke verläuft weiter häufig in Sichtweite der Straße.
Irgendwann wohl so gegen 12 kommen zwei richtig geile Abfahrten über je mehrere Kilometer. Wegen der regenfeuchten Straße ziehe ich relativ früh an den Bremsen. Halb eins endet der Vasaloppsvägen an der Hauptstraße Nr. 66. Die folgt dem Västerdalälven. Wir sind uns nicht ganz schlüssig, wohin, weil wir wieder mal dringenden Einkaufsbedarf haben, aber eigentlich gar nicht nach Sälen rein fahren wollten. Wir entscheiden uns dann aber doch dafür. Es lohnt sich! Vor Sälen erreichen wir das riesige Startareal des Vasaloppet, wohl mehrere Fußballfelder groß. Viele Informationstafeln. In einen Obelisken sind die Namen der Sieger eingemeißelt. Kurze Pause. Ein richtiges Klo benutzen, welch ein Luxus! Danach Regenjacke raus, nach Sälen rein. Der reinste Multi- Wintersportort: im Osten und Süden wie gesehen Skilanglauf, im Westen Abfahrtslaufsgebiete (da wollen wir hin!) und zwischendrin Pisten für Skiscooter (”Skoter”) und Wintersport- Ausrüster. Letzter richtiger Einkauf in Schweden (beim coop), die letzten Kronen ausgeben und neben Wasser nochmal köttbullar und "fiskbullar i dillsås" erstanden.
Kurz zurückfahren und dann die Hauptstraße über den Älvdalen Richtung Skigebiete. Die Straße Nr. 66 ist relativ stark befahren, geht bergauf, gegen den Regen und mitten auf der ersten Steigung leiert der Reißverschluss meiner Regenjacke aus, ich kann ohne Seitenstreifen nicht anhalten und fluche mich den Berg hoch. Nach Problembehebung geht die Straße weiter gefühlt endlos bergauf und in unseren Regenjacken werden wir abwechselnd schweiß- und regennass. Skilifte überall! "Oben" gibt es eine Skigebiets- Infrastruktur, die architektonisch irgendwo zwischen norwegisch- funktional, Spitzbergen und Schweiz liegt. Rechts von der Straße beginnt der südliche Kungsleden, das wenig bekannte Gegenstück des nördlichen Kungsleden (Fernwanderweg durch Nordschweden).
Ganz oben: 790m Höhe. Dort haben wir Ausblick auf noch höher gelegene Skigebiete, teilweise brutal als Schneise in den Wald gehauen, teilweise im ohnehin baumlosen Fjäll. Touristisch ist das ganze mit Hotels und Läden erschlossen. Und dann kommt die "Belohnung" für die Schwitzerei: eine rasante Bergabfahrt!
Schwedenkronen im Gegenwert von fünf Euro habe ich noch - genug für einen Reste- Einkauf im hemköp in Tandådalen. Und danach sehen wir zu, dass wir aus dieser Skipistenlandschaft rauskommen und irgendwo im Wald einen Zeltplatz finden. Drei km nach dem Supermarkt sind wir wieder im Wald, noch ein paar km weiter biegen wir von der Hauptstraße 66 (die hier, wo die Skigebiete zuende sind, nur mehr als Nebenstraße ausgebaut ist) in eine richtige Nebenstraße ab und von der in einen Waldweg. Die Bäume im Wald stehen dort zwar dünn, aber es ist abgelegen und es gibt Blaubeeren. In einer Regenpause schlagen wir die Zelte auf. Der Wind rauscht lautstark über den lichten Kiefernwald hinweg. 100 Tages- km.

Tag 11 - Norwegen bringt (mehr) Regen

Um sechs Uhr früh noch Regen, zum Kaffee aber schon ein paar Sonnenstrahlen. Wenige km nach dem Start kommen wir mitten in der Pampa auf eine riesige Baustelle, die sich links und rechts der Straße hinzieht, so weit das Auge reicht. Keine Gebäude, sondern nur flache Erdarbeiten. Baut hier irgendwer einen Flughafen!? Nun ja, genau so ist es. Hier entsteht der ”Scandinavian Mountains” Flugplatz alias "Sälen Trysil Airport". Eine einfache Landebahn existierte wohl schon vorher, aber der Artikel in der Wikipedia verrät, dass die Landebahn von 1100 auf 2500m verlängert wird und dann auch rechts der Straße weiterführt. Hinter der Baustelle wird der Himmel dunkler und dann setzt Starkregen ein. In Rörbäcksnäs flüchten wir unter das Dach einer Tankstelle. Der ICA gegenüber hat noch geschlossen. Ein netter Wohnmobilfahrer versorgt uns mit Kaffee. Rörbäcksnäs ist unser letzter Ort in Schweden. Noch fünf Kilometer zur Grenze. Als der Regen nachlässt, fahren wir weiter. Hinter Rörbäcksnäs biegen wir auf die W 1048 Richtung Norwegen ab. Die wenigen sonnigen Momente bringen mich nicht dazu, die Regenjacke auszuziehen!
Und da ist die Grenze. Kein Posten, keine Schranke - aber man darf wohl davon ausgehen, dass es hier an der EU- Außengrenze Videoüberwachung gibt. Und es gibt eine der über 200 historischen Riksröser (halb gelb bemalte Steinhaufen zur Grenzmarkierung), hier Nummer 122a. Kaum in Norwegen, setzt der Regen wieder ein, kurz sogar mit Gewitter. Schlechter Asphalt. Brücke über den Trysilelva. Die Fahrt auf der Straße 208 wird dann eine lange, nasse und bergige Quälerei durch den einsamen Wald. Rein in die tiefhängenden Wolken! Das geht so bis etwa halb zwei. Da kommen wir an die stark befahrene Hauptstraße 25, die Sonne kommt wieder durch und wir können uns auf einem zur 25 parallel verlaufenden Feldweg etwas trocknen lassen. Nach einer halben Stunde müssen wir aber doch auf die Hauptstraße. Die hat einen viel zu schmalen Seitenstreifen, wir fahren dicht am Rand, während der Verkehr an uns vorbeirauscht. Obwohl wir gut vorankommen und dem Plan voraus sind und trotz skandinavisch- rücksichtsvoller Autofahrer ist das ein bisschen stressig. Km 80: Blau- und Preiselbeerpause und die Jacke auf dem Lenker trocknen lassen. Km 90 machen wir dann Schluss für heute, an einem prima Platz mit Ausblick auf und Zugang zu einem See. Auf unserem Zeltplatzhügel scheint die niedergehende Sonne schon fast kitschig ins Zelt. Dosenbier, Sonne, See, gucken!

Tag 12 - Schafe

Kalte Nacht! Beim Aufstehen (6:00) zogen noch Nebelschwaden über den See. Die sind aber schnell wieder weg. Die Sonne kommt durch die leichte Bewölkung durch und wärmt. Der Kaffee auch, Pulver ist leer, ich brauche Nachschub!
Nur ein kurzes Stück auf der Hauptstraße 25, dann auf einer Nebenstraße schnelle erste 15 km Richtung Elverum. Die Radwege sind teilweise besser ausgebaut als die Straße. Elverum empfängt uns mit einer großen Baustelle. An den Eingang des rema 1000 Supermarktes kommt man gar nicht so einfach ran. Und auch innerhalb des Supermarktes bin ich etwas orientierungslos. Ich finde keine köttbullar! Stattdessen also billige fiskbullar in einer Ein- Kilo- Konserve. Und es gibt Mengenrabatt für 4x1,5l Wasser. Der No- name Kaffee ist auch bezahlbar. Sonst aber verschlagen mir die Preise den Atem!
Elverum sieht ziemlich modern aus und scheint keine historische Substanz zu haben. Warum? Das historische Stadtbild wurde 1940 bei Luftangriffen zerstört, als die Deutschen Norwegen besetzten. Über die Glomma (Fluss) führt eine hypermoderne Brücke und am Ufer stehen moderne Hipster- Wohnblocks. Wir verlassen Elverum Richtung Süden. Es rollt! Entlang der Glomma gibt es Landwirtschaft - ein ungewohnter Anblick nach zwei Wochen mit überwiegend Wald. Wir biegen in eine Mautstraße ein, einen Militärweg, so sagt es die Informationstafel. Da die Schranke geöffnet ist und auf dem Hinweisschild nicht steht, dass Radfahrer auch zu bezahlen hätten und da wir außerdem gerade keine Visa- Kreditkarte zur Hand haben, fahren wir nach kurzer Lageerörterung einfach ohne zu bezahlen durch. Und eigentlich sollten wir fürs Durchfahren bezahlt werden, der Schotterbelag ist teilweise echt eine Zumutung!
Wir kommen an eine Straßenkreuzung mitten im Wald mit einer Hinweistafel zum Industriedenkmal "Stensåsrenna". Das war eine 1965 aufgegebene etwa drei km lange Blechrinne, durch die Wasser geleitet wurde worin Baumstämme talabwärts "verschifft" wurden. Prinzip Schwimmbad- Wasserrutsche. 75 Jahre lang wurde das Ding betrieben. Nur noch ein etwa fünf Meter langes Stück ist übrig und steht hier als Denkmal. Ich trage mich ins (analoge!) Gästebuch ein.
Die Wolken haben sich verzogen. Wieder ausgetrocknete Bachbetten - der eine Regentag hat die Trockenheit hier nicht beseitigt. Frei herumlaufende Schafe gucken uns zu, wie wir uns eine Steigung hochschwitzen. Eine tolle Waldpiste wird von einer kleinen Schafherde blockiert, die faul im Schatten rumliegt, erst vor uns davonläuft, dann zurückkommt und uns und unsere Räder ausgiebig untersucht. Nachdem die Schafe ihr Interesse an uns wieder verloren haben, fahren wir weiter.
Gegen 16:00 sehen wir durch die Bäume in der Ferne den Mjøsa, den größten See Norwegens, 117 km lang. Von seinem Südende sind es nur noch etwa 50 km bis nach Oslo.
Da wir genug Vorsprung auf die Routenplanung haben, halten wir schon um 16:30 nach 70 km. In 1-2 km Entfernung verläuft die Autobahn E6 nach Oslo, ein schwaches Rauschen ist zu hören, ein paar seltsame Tierlaute, ansonsten ist es ruhig. Und endlich gibt es wieder (fast) vollwertiges Bier - in Norwegen beträgt der maximale Alkoholgehalt für Supermarkt- Getränke 4,75% (Schweden 3,5%).

Tag 13 - Mjøsa - Eidsvoll

Aufbruch 8:30. Es geht bergab, dem Mjøsa entgegen. Kurz vorher hat uns die automobile Zivilisation wieder, wir überqueren die Autobahn E6, die ebenso wie unsere Fahrradroute am Ostufer des Mjøsa entlangführt. Die Strecke am See bietet spektakuläre Ausblicke. Zusätzlich führt hier noch die Bahnstrecke Oslo - Lillehammer entlang. Die Verkehrsinfrastruktur hier sieht noch recht neu aus - teilweise frisch asphaltiert, teilweise hat der Radweg noch gar keinen Belag, sondern üblen Grobschotter. Abschnittsweise verläuft der Radweg auf der alten Bahntrasse, zu erkennen an alten Bahnanlagen und -gebäuden direkt am Weg. Neben all dem sehen wir weit vorne auch noch einen A380 südwärts Richtung Flughafen Oslo davonziehen. In Langset, am Südende des Mjøsa, kaufen wir bei kiwi, der anderen norwegischen Discounterkette, ein.
Drei Brücken (eine für die Eisenbahn, eine für die normale Straße (mit Radweg) und eine für die Autobahn) führen führen über die Vorma, die vom Mjøsa nach Süden abfließt. Dichtere Besiedlung und Landwirtschaft - das wird im großen und ganzen bis Oslo so bleiben. Mehr noch, hinter km 40 gibt's sogar Kultur. Wir halten auf einem Platz gegenüber einem herausgeputzten Gebäude mit viel Kunst: dem Eidsvollsbygningen. 1814 wurde hier die norwegische Verfassung unterzeichnet und die Unabhängigkeit von Dänemark proklamiert.
Kurz südlich von Jessheim kommen wir an die Kreuzung zurück, an der am zweiten Tag unsere "Runde" begonnen hatte. Wir sind nun wieder auf dem Auftaktstück. Auf einer verwilderten Wiese an einem Waldrand finden wir den letzten Zeltplatz dieser Reise. Es ist erst 15:00, aber obwohl wir nur 70 km hatten, liegen wir voll im Plan. Morgen sind es nur noch weniger als 50 km zum Hafen in Oslo. - Etwas störend: im Minutentakt starten Flugzeuge, unser Platz ist nur etwa 10-15 km vom Flughafen entfernt und fast unter der Einflugschneise.

Tag 14: zur Fähre

Der Instinkt, dass die Fähre um 14 Uhr fährt, lässt mich früh wach werden. Auch mein (Billig-)Zelt lässt wissen, dass die Reise zuende ist - der bereits geflickte Stoff der Gestängedurchführung ist in der Nacht heftig eingerissen. Aber für 30 Euro will ich nicht meckern.
Kurz vor acht Start zur letzten Etappe in Skandinavien. Erneut Sonne. Die letzten norwegischen Kronen für Bier und Wasser im Supermarkt gelassen.
Wie schon auf der Hinfahrt, hat uns ab Lillestrøm die Stadt wieder. Die letzten km durch Oslo waren Stress, jedenfalls gefühlt nach zwei Wochen Natur: Baustellen, Touristen, die auf dem Radweg rumlatschen, Verkehr und alles ist eng. Göteborg und Malmö sind entspannter! Jetzt km 50 und am Hafen in der Warteschlange. Zügig kommen wir bereits um 12 aufs Schiff. Die Kabinen waren noch nicht ganz bezugsfertig, macht nichts, wir sind da nicht so pingelig :-)
14 Uhr Auslaufen, viele Touristen an Deck, Sonnenschein.

Tag 15: zurück

10:00 Ankunft laut Plan, in Kiel nochmal in einen Supermarkt rein und Mittagspause im Segeberger Forst. 110 km Abspann, gegen 18 Uhr bin ich zu Hause.
1420 km Gesamtstrecke.

Geschrieben 28.02.2021, Geändert 01.03.2021, 278 x gelesen.

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